Umgang mit veränderten Anforderungen an die Systemunterstützung von Banken

Herausforderungen von Kernbankensystemanbietern

Das sich im Rahmen der Digitalisierung schnell wandelnde Umfeld bringt einige neue Herausforderungen mit sich, denen sich Kernbankensystemanbieter gegenübersehen. Der neuste Bericht des Core Banking Radars zeigt auf, wie FinTechs und etablierte Systeme diese Herausforderungen teils ganz unterschiedlich angehen. Gleichzeitig bewirken regulatorische Bestimmungen eine zunehmende Öffnung bei der Zusammenarbeit zwischen etablierten Systemen, Fintechs und Banken.

Die folgende Übersicht zeigt, welche Anforderungen sich von den wichtigsten Herausforderungen ableiten.

Zur zielgerichteten Untersuchung, wie Systemanbieter Herausforderungen angehen und wie sich Anforderungen verändern, dienen neben dem Core Banking Radar unter anderem Szenarien. Szenarien helfen zudem, die strategische Positionierung im Lichte der Herausforderungen festzulegen.

Szenarien der künftigen Systemunterstützung

Szenarien sind ein Instrument der Zukunftsforschung. Das BEI nutzt explorative Szenarien und entwickelt gemeinsam mit Partnern Zukunftsbilder, um verschiedene Zusammenhänge zu verstehen, Entscheidungen zu begründen und Zukunftsentwicklungen abzuschätzen.

Vier Szenarien der künftigen Systemunterstützung werden im Folgenden beschrieben und im Hinblick auf die sich dadurch verändernden Anforderungen erläutert.

Abbildung 1: Überblick 4 Szenarien der zukünftigen Systemunterstützung

Szenario 1 – Weitgehender Fokus auf Back-Office-Applikationen

In diesem Szenario bleibt der heutige Zustand der Kernbankensysteme und deren Interaktion mit Banken und externen Anbietern erhalten. Kernbankensystemhersteller differenzieren sich dabei weiterhin durch Back-Office-Applikationen, die sie selber entwickeln, während die übrigen Bereiche wie Front-Office, Vertrieb und Apps zur spezifischen Bedürfniserfüllung von Kunden zumindest teilweise durch die Bank selber über Umsysteme bereitgestellt werden müssen.

Abbildung 2: Veränderung der Herausforderungen im Szenario 1

Folgt ein Systemhersteller im Rahmen seiner Strategie diesem Szenario, wird die Herausforderung der komplexen Architektur durch die Spezialisierung auf einen Bereich abgeschwächt.

Der Druck, den TCO tiefzuhalten, wird in diesem Szenario hingegen erhöht: Denn die Integration einer hohen Anzahl einzelner Lösungen und Berücksichtigung unterschiedlicher technischer, sicherheits- und regulationsbezogener Anforderungen geht einher mit einem hohen Integrationsaufwand.

Szenario 2 – Erweiterung um Zusatzfunktionen

Das Szenario 2 beschreibt eine weiterführende Perspektive des ersten Szenarios. Dabei bieten Kernbanksystemanbieter Funktionalitäten ausserhalb des Back-Office-Bereiches über eigene Entwicklungen oder komplett im System integrierte Lösungen externer Anbieter an.

Abbildung 3: Veränderung der Herausforderungen im Szenario 2

Gehen Systemhersteller in ihrer Strategie davon aus, dass die Marktentwicklung in diese Richtung geht, so ergänzen sie den reinen Betriebsteil, wodurch die Anforderung des balancierten Angebots abgefangen wird. Allerdings ist in diesem Szenario die Frage zu klären, wer die Kundenschnittstelle übernimmt (Marktpositionierung).

Für die Bank ergibt sich der klare Nutzen, alles aus einer Hand beziehen zu können, dadurch reduziert sich der Aufwand bei der Integration externer Lösungen und die Anforderung «Tiefhalten des TCO» wird adressiert.  Legacy Systeme müssen jedoch weiterhin kostenintensiv erneuert werden.

Szenario 3 – Formung von neuen Kernbanksystemen durch Zusammenschluss von alternativen Lösungen

Lösungen unterschiedlicher Unternehmen (z. B. FinTechs) ergänzen sich gemäss diesem Szenario in der Zukunft so weit, dass deren Zusammenschluss ein innovativeres Kernbankensystem etabliert, als ein einzelner Hersteller anzubieten im Stande wäre.

Abbildung 4: Veränderung der Herausforderungen im Szenario 3

Für etablierte Kernbankensystemhersteller bedeutet dieses Szenario, dass FinTechs nicht wie in Szenario 2 ihre Lösung ergänzen, sondern zur eigentlichen Konkurrenz werden. Dies zwingt sie dazu, vom heutigen Szenario 1 wegzukommen und auch ausserhalb des Back-Office-Bereichs Funktionalitäten zu entwickeln.

Wählen Systemanbieter dieses Szenario als strategische Option, müssen sie zudem ihre Marktpositionierung ausfeilen und sich der Frage stellen, mit wem sie zusammenarbeiten sollen. Die Anforderung der Modernisierung wird mit dieser Option gewährleistet und verliert demnach an Wichtigkeit.

Szenario 4 – Auflösung des klassischen Kernbankensystems

In Szenario 4 beziehen Banken die Funktionalitäten nicht mehr nur von einem Kernbankensystemanbieter (bzw. dessen Ecosystem), sondern stellen sich diese dank öffentlich zur Verfügung gestellter Standards bzw. App-Store-Lösungen von verschiedenen Ecosystemen frei zusammen.

In diesem Szenario löst sich das Silodenken bzw. die Unternehmenssicht auf, was einer Grundlogik der Digitalisierung entspricht.

Abbildung 4: Veränderung der Herausforderungen im Szenario 4

Wird die Strategie nach diesem Szenario ausgerichtet, so treten damit alle aktuellen Herausforderungen ausser der Marktpositionierung in den Hintergrund. Denn es ist nicht mehr ein komplettes System gefragt, sondern die spezifische Positionierung und Marktführerschaft in einem Bereich.

Es gewinnen dafür in diesem Zusammenhang neue Anforderungen an Bedeutung, so beispielsweise die Zusammenarbeit im Ecosystem und das Beherrschen neuer Technologien wie DLT/Blockchain.

Kontinuierliche Beobachtung der Veränderungen und Entwicklung entsprechender Methodiken

Mithilfe des Core Banking Radars beobachten Swisscom und das BEI in Zusammenarbeit die tatsächlichen Veränderungen im Kernbankenmarkt langfristig.

Das BEI agiert im Kollaborationsprojekt mit der Swisscom mit seinem Wissen als methodischer Partner. Gleichzeitig passt dieses Projekt in den aktuellen Fokus des Konsortiums CC Sourcing: Die Erarbeitung einer Methodik zur Entwicklung einer Ecosystem-Architektur. Denn die Anforderung der strategischen Zusammenarbeit mit Partnern im Ecosystem sticht nicht nur aus mehreren aktuellen Herausforderungen hervor. Die Methodik beinhaltet genauso das Verständnis von technologischen Veränderungen und ein Basis-Vorgehen zur Entwicklung einer System-Architektur wie auch kollaborative Standardprozesse. Zudem werden gemeinsam mit Stakeholdern Modelle zur strategischen Positionierung im Lichte der Szenarien erarbeitet, um frühzeitig gewappnet zu sein, sollten sich diese verwirklichen.

Christine Popp

Christine Popp

Christine Popp ist in strategischen Beratungsprojekten des CC Sourcing tätig und baut daneben das Competence Center Consumer Data Innovation mit auf. Ihr Interesse gilt Innovationsmethoden und der sinnvollen Verwertung von Daten im Hinblick auf die Optimierung der Customer Experience. Während ihres Masterstudiums in Business Innovation an der HSG absolvierte sie eine Design Thinking Ausbildung an der Stanford University.
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