Smart City im Bankenkontext

Die Urbanisierungsrate nimmt weltweit zu. Heute lebt ca. jeder zweite Mensch in einer Stadt. Experten zufolge wird der Anteil der Stadtbevölkerung auf über 65% im Jahr 2050 steigen. Dieses rasante Wachstum bleibt nicht ohne Konsequenzen. Herausforderungen, die aus Grossstädten bekannt sind, wie z.B. Umwelt- und Verkehrsbelastung und der hohe Verbrauch von Ressourcen beeinträchtigen schon heute die Lebensqualität und werden sich durch die Urbanisierung weiter verstärken. Um dieser Entwicklung zu begegnen ist das immer populärer werdende Konzept der «Smart City» ein vielversprechender Lösungsansatz.

Viele Städte befassen sich schon heute mit der Realisierung des Smart City Ansatzes. Als Beispiel konnte Santander durch die Verteilung von Sensoren die Steuerung des Verkehrs optimieren, die Parkplatzsuche minimieren und die Müllabfuhr und die Bewässerungsanlagen automatisieren. Durch den Ausbau des städtischen Wide Area Networks (WAN) werden die Informationen gesammelt und über eine App zur Verfügung gestellt. Für Banken ist das Konzept der Smart City insofern spannend, als dass sich dadurch datengetriebene Geschäftsmodelle und neue Ertragsquellen entwickeln können.

Begriffsverständnis von Smart City

Eine Smart City ist eine innovative Stadt, welche Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) nutzt, um die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern, die Effizienz von Abläufen und Dienstleitungen zu steigern und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit vor dem Hintergrund der heutigen und künftigen Generationen zu steigern (Meier & Portmann, 2017, S. 19). Das Wort «Smart» meint die Nutzung innovativer Ansätze und den Einsatz neuartiger ICT für die bereichsübergreifende Integration und Vernetzung der Akteure in einer Stadt (M. Jackel & K. Bronnert, 2013, S. 9).

Smart Cities sind idealerweise mit einem städtischen Kommunikationsnetzwerk (WAN) ausgestattet, bieten ihren Bürgern Services über Apps an, automatisieren und optimieren Prozesse und stellen den partizipativen Zugang auf politischer und sozialer Ebene sicher. Durch «Enabler» wie z.B. Innovationen in ICT, soziale Entwicklungen oder Sensorik wird die Entwicklung der Stadt zur Smart City erst ermöglicht. Smart Cities basieren meist auf: Internet of Things (IoT), Big Data, Open Data und Low-Power- (LPWAN) bzw. Long-Range-Wide Area Network (LoRaWAN).

Leistungsdimensionen einer Smart City

Die Akteure einer Smart City werden in verschiedene Leistungsdimensionen eingeteilt. Die intra- und interdimensionale Zusammenarbeit der einzelnen Akteure wird durch die Vernetzung innerhalb der Smart City wesentlich verbessert und durch die oben genannten Enabler gelebt.

Das Leistungsspektrum einer Smart City lässt sich in die Dimensionen Smart People, Smart Environment, Smart Mobility, Smart Economy, Smart Governance und Smart Living unterteilen (vgl. Abbildung).

     Abbildung: Leistungsdimensionen einer Smart City, in Anlehnung an Müller-Seitz et al. 2016, S. 5

Mit Smart People wird die Verbesserung des beruflichen Qualifikationsniveaus, des lebenslangen Lernens und der Teilnahmemöglichkeiten am öffentlichen Leben zusammengefasst. Als Beispiel kann der Online-Zugang zu Bibliotheken oder den kommunal geförderten Massive Open Online Courses (MOOC) sowie die Förderung von gegenseitigen Lernplattformen in der Nachbarschaft genannt werden.

Unter der Leistungsdimension Smart Economy werden die Faktoren gebündelt, welche die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in einer Stadt verbessern. Ein Beispiel dafür sind Plattformen für den Austausch zwischen Entrepreneurs, innovativen Unternehmen und potentiellen Investoren. Auch durch die Bereitstellung von öffentlich generierten Daten (sog. Open Data) im Zuge der Vernetzung der Stadt und der Installation von Sensoren werden neue innovative Geschäftsmodelle in einer Stadt möglich. Überdies ermöglicht eine intelligente Vernetzung von Unternehmen, Stadtverwaltung und Arbeitnehmern die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts zum Vorteil aller Beteiligten.

Smart Environment bezieht sich auf den Schutz der Umwelt, die Benutzung von erneuerbaren und nachhaltigen Ressourcen und die Verminderung der Luftverschmutzung. Ein Beispiel ist die automatisierte Routenoptimierung für den Verkehr oder die städtische Müllabfuhr über die Vernetzung von Strassen bzw. Mülleimern mittels Sensoren oder die Bereitstellung erneuerbarer Energie über intelligente Stromnetze (Smart Grid Systeme).

Die Leistungsdimension Smart Governance beschreibt die Möglichkeiten zur Beteiligung der Bürger an Abstimmungen, sowie die Verbesserung der Transparenz des Regierungshandelns und der Qualität der städtischen Services. Beispiele solcher Initiativen sind Plattformen für die politische Partizipation von Bürgern in städtischen Entscheidungen sowie die Möglichkeit zum Dialog zwischen Bürgern und Unternehmen auf der einen Seite und der Stadtverwaltung auf der anderen Seite.

Unter der Leistungsdimension Smart Living werden Aspekte, die sich mit der Lebensqualität in einer Stadt befassen, verstanden. Darunter fällt die Qualität kultureller Einrichtungen, der Gesundheitsvorsorge und der Sicherheit. ICT können dabei beispielsweise im Bereich Sicherheit die Polizeiarbeit unterstützen, indem datenbasierte Analyse helfen Verbrechen aufzuklären oder im Voraus zu verhindern (Predictive Policing).

Unter der Leistungsdimension Smart Mobility werden Initiativen und Projekte vereint, die sich mit den nachhaltigen, ressourcenschonenden, sicheren, effizienten und innovativen Mobilitätsystemen innerhalb einer Stadt und der schnellen und einfachen Erreichbarkeit einer Stadt von aussen befassen. Beispiele für Smart Mobility Konzepte sind die Nutzung von Bike- und Carsharing Angeboten und die Verbesserung vom öffentlichen Personen-Nahverkehr durch Vernetzung und Automatisierung.

Die Leistungserstellung in einer Smart City basiert auf dem Zusammenspiel aller Leistungsdimensionen. Dies bedeutet, dass Banken in der Smart City zwar in der Leistungsdimension Smart Economy zu verorten sind, jedoch im Zusammenspiel mit allen anderen Leistungsdimensionen agieren.

Herausforderungen in der Smart City

Das Smart City Konzept wird bereits von vielen Städten adaptiert, jedoch meist in kleineren Pilotprojekten mit geringem Reifegrad. Eine zentrale Herausforderung ist die Adaptionsgeschwindigkeit in der Bevölkerung. Besonders die unterschiedliche digitale Reife und Adaptionsaffinität verschiedener Generationen und sozialer Milieus bilden Herausforderungen (Stichwort: two-speed society). Nicht alle Bürger einer Stadt sind z.B. in der Lage oder gewillt an einer Abstimmung über e-Voting-Tools teilzunehmen. Durch die vermehrte Bereitstellung von Services über digitale Wege, besteht das Risiko, dass Bevölkerungsschichten von der Möglichkeit der Partizipation an städtischen Services exkludiert werden.

Eine weitere Herausforderung sind die Datenschutzgesetze der verschiedenen Länder und Regionen. Diese sind noch nicht an die Änderung der Städte zu Smart Cities angepasst und verhindern das Wachstum und die Ausbreitung des Konzepts. Das Sammeln und Nutzen von personenbezogenen Daten ist vor allem in europäischen Ländern, wie z.B. durch die Datenschutzgrundverordnung der EU (EU-DSGVO), reguliert. Viele Anwendungen der Smart City benötigen jedoch personenbezogene Date für ihre Funktionsfähigkeit. Daher müssen entsprechende Sicherheitsmassnahmen getroffen werden, um einen etwaigen Datendiebstahl und Deanonymisierung von gesammelten Daten zu verhindern, da diese u.U. sensiblen Informationen über das Verhalten eines Menschen liefern können (z.B. Bewegungsmuster).

Gretchen Frage: Welches Potential bieten Smart Cities für Banken?

Nach der Beschreibung der Smart City stellt sich die Frage, wie sich Banken im Umfeld einer Smart City positionieren und die Entwicklungen für sich nutzen können. Dafür werden im folgenden Kapitel einige Möglichkeiten der Geschäftsmodellerweiterung in Bezug auf Smart Cities aufgezeigt (vgl. Tabelle).

Tabelle: Drei mögliche Cases für die Banken in einer Smart City

Die Bank als Vermittlerplattform für Services in der Smart City

Die Digitalisierung ermöglicht Privatpersonen anderen Privatpersonen Services über Onlineplattformen leicht zur Verfügung zu stellen. Beispielhaft sind hier Sharing Economy Plattformen wie Wimdu, Sharoo oder BlablaCar zu nennen. In einer Smart City werden Bürger immer öfter zu sog. Prosumern, d.h. dass sie sowohl Services bereitstellen als auch konsumieren. Aber auch für Unternehmen bieten sich Chancen zur Entwicklung neuer Services im Rahmen einer Smart City, welche an Bürger, anderen Unternehmen oder der Kommune angeboten werden können. Letzteres ist insbesondere interessant, da der Trend bei der Entwicklung der städtischen Infrastruktur hin zur Smart City häufig sogenannte Public Private Partnerships (PPP) nutzt. Die Leistungserbringung in der Stadt der Zukunft geschieht also in einem vielschichtigen Konglomerat aus privaten Unternehmen, halbstaatlichen und staatlichen Institutionen und Bürgern.

Die Bank ist gut positioniert um als Mediator für Smart City Services zu fungieren, da sie einen Marktbezug und Beziehungen zu Bürgern, Unternehmen und der Stadtverwaltung besitzt. Insbesondere PPPs erfordern die Entwicklung neuer Formen der Kooperationen und Koordination und eine Vernetzung der Akteure und Aktivitäten auf Basis einer gemeinsamen IT-Infrastruktur. Eine Möglichkeit für die Bank der Zukunft besteht also in der Bereitstellung einer Plattform zur Orchestrierung zwischen den verschiedenen Interessensgruppen einer Smart City, um die Koordination, das Alignement und die Steuerung der beteiligten Parteien zu gewährleisten. Da Banken in mehreren Städten vertreten sind, können solche Plattform in verschiedenen Regionen skalieren und in Form eines „City Platform-as-a-Service“ für verschiedenen Smart Cities angeboten werden.

Die Bank kann ihren Kunden datenbasierte Beratungsdienstleistungen anbieten, bei der sie Open Data der Smart City mit den kundenspezifischen Daten der Bank zusammenführt. Solche Beratungsdienstleistungen können den Bankkunden dabei unterstützen die Bedürfnisse seines Kunden besser zu verstehen oder neue Kundensegmente zu erschliessen. Da in einer Smart City sowohl Bürger als auch Unternehmen Services anbieten sind diese Beratungsdienstleistungen für beide Seite interessant. Für einen etwaigen Finanzierungsbedarf der Kunden im Rahmen der Beratung kann die Bank Kapital zur Verfügung stellen. Zusätzlich zu den Einnahmen aus der Finanzierung wird überdies die Kundenzufriedenheit gesteigert und die Kundenbindung verbessert.

Public Value als Anlagekonzept für Bankkunden – Partizipative Gestaltung der Smart City

Das Potential von Smart Cities lässt sich aus Sicht des Bürgers nicht nur in quantitativen Zahlungsströmen festhalten, sondern beinhaltet auch eine qualitative Komponente: Der Mehrwert durch eine verbesserte Lebensqualität kann für Kunden eine interessante Erweiterung ihres Anlageportfolios sein. Insbesondere Anleger der sog. „Generation Y“ sind von ihren Präferenzen auf eine persönlich gestaltete Anlageform bedacht. Der Fokus auf monetäre Renditeziele ist weniger ausgeprägt; dem Anleger geht es darum, mit seinen Anlagen etwas „Sinnvolles“ zu tun. Die Bank kann im Rahmen des Sparplans des Kunden einen bestimmten Anteil des Anlagevolumens in der Entwicklung von Smart City Projekten in der Stadt des Anlegers investieren.

Dieses Konzept scheint für regional agierende Banken besonders interessant. Entsprechende Projekte könnten über sog. Citizensourcing identifiziert und priorisiert werden. Ein Beispiel für Citizensourcing ist die Internetplattform «FixMyStreet» auf welcher Bürger z.B. Reparaturanfragen oder andere Probleme in ihrer Nachbarschaft den lokalen Behörden melden können. Die Projekte, die im Citizensourcing priorisiert wurden, werden anschliessend gemeinschaftlich durch den vordefinierten Anteil am Sparplan finanziert. So kann die Lebensqualität z.B. durch Investitionen in die Stadtbegrünung, die städtische Sicherheit oder das öffentliche WLAN erhöht werden.

Das Investment in Public Value kann aber auch durchaus monetäre Ziele verfolgen: Die Schätzungen für das Marktvolumen für Smart City Technologien von 2010 bis 2020 wird auf ca. 108 Mrd. USD geschätzt (Galdon-Clavell, 2013). Dabei bergen intelligente Systeme in Städten z.B. durch verbesserte Verkehrssteuerung ein hohes ökonomisches Potential. Insbesondere im aktuell niedrigen Zinsumfeld kann die Investition in Smart City Infrastruktur einen Mehrwert für Anleger und Städte bieten. Die Bank kann ihre klassischen Aufgaben der Risiko-, Losgrössen- und Fristentransformation wahrnehmen, die Investitionen aktiv bei den Städten bewerben und die Finanzierung übernehmen.

Für den Kunden besteht dann beispielsweise die Möglichkeit seinen Anlagenbeitrag für Investitionen in seine Smart City entsprechend seinen Präferenzen in einen nicht-monetären Anteil (Lebensqualität statt Zinsen) und einen monetären Anteil aufzuteilen. Bei renditeorientierte Investitionen kann die Bank Gewinne in Form einer Zinsspanne generieren. Investitionen in nicht-renditeorientierten Public Value werfen für die Bank keinen direkten Ertrag ab, können aber die Kundenzufriedenheit und -bindung steigern und somit zu indirekten Erträgen führen.

Digitale Inklusion durch Banken: Verhinderung des Digital Divide durch physische Filialen

Das Digital Divide beschreibt das Risiko, dass digitalfremde Bevölkerungsschichten aus dem städtischen Leben und aus Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden. Für Banken bietet sich die Möglichkeit, ihr physisches Filialnetz dafür zu nutzen, um zu einer Verringerung des Digital Divides beizutragen. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass Banken Services für ältere Stadtbewohner wie z.B. Unterstützung beim e-Voting anbietet oder internetfähige Maschinen mit einem einfachen Interface für die Teilnahme an der Smart City bereitstellt. Wie in einer Umfrage des CC Sourcing (Endkundenbefragung, 2016, N=684) ermittelt wurde, geniessen Banken in Datenfragen ein hohes Vertrauen und scheinen daher für einen solchen Service geeignet. Das Angebot kann dabei zur Verbesserung der Kundenbindung beitragen. Überdies kann ein Filialbesuch in der Bank dafür genutzt werden, um z.B. eine Anlageberatung durchzuführen.

Die Beispiele sind nicht abschliessend zu betrachten. Es gilt die Entwicklung im Rahmen der Smart City zu beobachten und weiter Schlüsse für ein etwaiges Engagement in diesem Bereich zu ziehen.

Zusammenfassung

Wie dieser Artikel gezeigt hat, können Smart City Konzepte dazu beitragen, die Lebensqualität in Städten zu verbessern. Der Grad der Vernetzung von Bürgern, Unternehmen, Stadtverwaltung und Gegenstände in Städten nimmt bedingt durch die technologische Entwicklung immer weiter zu. Die Veränderungen der Umwelt der Stadt durch Smart City Konzepte eröffnen Möglichkeiten für datengetriebene Geschäftsmodelle in Unternehmen. Auch für Banken ergeben sich neue Möglichkeiten. Besonders durch den bereits bestehenden Kundenzugang, die physische Vertretung durch Filialen in Kernlagen von Städten und das Know-how im Bereich Anlegen und Finanzieren sind Banken gut gerüstet um vom Trend zur Smart City zu profitieren.

Adrian Wilhelm (Praktikant am CC Sourcing) und Daniel Proba (Doktorand am CC Sourcing) untersuchten das Potenzial von Smart City im Kontext von Banken und stellten im vorstehenden Beitrag Konzepte zur Umsetzung vor.

Daniel Proba

Daniel Proba

Daniel Proba ist als Doktorand am CC Sourcing tätig, wo er sich mit der Transformation von Geschäftsmodellen im Zuge der Digitalisierung und Bankgeschäftsmodellen im Kontext von Smart Cities beschäftigt. Während seines Masters an der Universität Mannheim befasste er sich schwerpunktmässig mit den Themen Entrepreneurship, Innovationsmanagement und Banking & Finance. Außerdem absolvierte Daniel jeweils ein Gastsemester an der Auckland University of Technology in Neuseeland und der UE in Breslau, Polen, wo er sich mit den Themen Entrepreneurship, Change-Management und IT Management befasste.
Daniel Proba

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