Blockchain-Inititativen in der Schweiz: Eine Übersicht

Als eine der meistdiskutierten Technologien im Finanzsektor zurzeit hat die Blockchain laut Gartner 2016 die Spitze des Hype Cycles erreicht. Wie hoch die Erwartungen an die Blockchain sind, zeigt sich allein an der Anzahl an Initiativen, die innerhalb der letzten anderthalb Jahre rund um die Erforschung der Technologie und die Entwicklung von Use Cases entstanden sind. Darunter finden sich mit einer stolzen Mitgliederzahl von dreissig bis über einhundert Partnern einige internationale Konsortien, wie z.B. die jüngst diesen Monat bekanntgegebene Enterprise Ethereum Alliance oder auch etwas «ältere» Kooperationen wie R3 oder das Hyperledger Project, an denen mit der UBS, Credit Suisse und Swisscom auch einige Schweizer Branchengrössen vertreten sind. Die Erforschung der Blockchain in der Schweiz geht aber weit über das Engagement in internationalen Konsortien hinaus und umfasst eine Reihe von nationalen Initiativen und kleineren Konsortien mit starker Schweizer Präsenz, die die Blockchain nicht nur für verschiedene Schweizer Industrien nutzbar machen wollen, sondern zum Teil das Ziel verfolgen, der Schweiz eine Führungsrolle bei der Entwicklung der Blockchain zukommen zu lassen. Diese Initiativen stehen im Fokus dieses Newsletters, von denen sechs im Folgenden vorgestellt werden.

Das CC Sourcing wird diese Initiativen vor dem Hintergrund der eigenen Prototypen «Digitale Identität/KYC», «Schuldscheindarlehen» und «E-Commerce-Zahlungen», die auf einer privaten Ethereum Blockchain basieren, im Auge behalten. Darüber hinaus analysiert das CC Sourcing, inwiefern DLT-Technologien, welche nicht per se mit einer Blockchain arbeiten wie beispielsweise R3’s Corda, einen noch grösseren Mehrwert bei den oben genannten Use Cases liefern können.

Hier die Übersicht der Schweizerischen Blockchain Initiativen:

OTC Swiss Blockchain-Konsortium

Das OTC Swiss Blockchain-Konsortium verfolgt das Ziel, die Abwicklung des ausserbörslichen Handelsgeschäfts von Schweizer Aktien (Over-the-Counter-Trading) zu vereinfachen. Das von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) des Bundes unterstützte Konsortium unter Leitung des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern hat sich im September 2016 formiert und strebt nun die Schaffung eines offenen Systemstandards für den Schweizer Finanzplatz an. An dem Projekt beteiligt sind neben dem IFZ Inventx, SIX, Swisscom, ti&m, die ZKB und die InCore Bank. Mit der ZKB und der InCore Bank sind neben den Industriegiganten UBS und Credit Suisse somit auch zwei weitere Schweizer Banken an der Erforschung der Blockchain beteiligt.

Utility Settlement Coin

Für die Idee zur Entwicklung der Utility Settlement Coin ist die UBS verantwortlich, die bereits seit März 2015 Forschung zu Digitalwährungen betreibt, weshalb die Utility Settlement Coin trotz der Internationalität der Kooperation mit den Partnern Deutsche Bank, BNY Mellon, Santander, dem Broker ICAP und dem Start-Up Clearmatics hier berücksichtigt wird. Die Utility Settlement Coin, an der das Konsortium seit August 2016 gemeinsam arbeitet, soll die Vorteile der Blockchain für Finanztransaktionen zwischen Banken nutzbar und die Transaktionsabwicklung somit schneller, günstiger und transparenter machen. Dabei stellt die Coin keine eigenständige Währung dar, sondern sie muss durch konventionelle Währungen wie Franken, Dollar, Euro oder Pfund gedeckt sein. Geplant ist die Fertigstellung der marktfähigen Version 2018.

Blockchain Roadmap

Neben dem Engagement im OTC Swiss Blockchain-Konsortium ist SIX ebenfalls im September 2016 eine bilaterale Kooperation mit dem US-amerikanischen Unternehmen Digital Asset Holdings eingegangen, um die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain für die Wertpapierabwicklung zu testen und damit Ineffizienzen im Post-Trading Ecosystem zu beseitigen. Ein Proof of Concept sollte laut Mitteilung schon letzten Oktober fertiggestellt werden, woraufhin die Erstellung der Roadmap für die Entwicklung der Lösung zur Marktreife bereits in vollem Gang sein dürfte.

Redesigning Financial Services

Mit “Redesigning Financial Services” ist die fünfte Initiative auf unserer Liste eine Forschungskooperation der Universitäten St. Gallen (Institute: ICI-HSG und ITEM-HSG) und der Eidgenössischen Technischen Hochschule (Institut: D-MTEC-ETH) mit dem Beratungsunternehmen EY. Wie der Titel des Projekts bereits andeutet, handelt es sich bei dieser Kooperation um mehr als eine reine Erforschung der Blockchain; Ziel der Initiative ist es, disruptive Innovationen im Finanzsektor ausfindig zu machen, Veränderungen im Kundenverhalten vorauszusehen und auf dieser Basis Handlungsempfehlungen für etablierte Unternehmen abzugeben. Die Untersuchung der Blockchain im Rahmen dieser Kooperation fokussiert sich vor allem darauf, wie sich die Rollen von Finanzinstitutionen durch die Blockchain verändern und wie die Technologie über den Zahlungsverkehr hinaus in anderen Bereichen des Bankings eingesetzt werden kann.

Trust Square

Trust Square ist der Name des geplanten gesamtschweizerischen Blockchain Research- und Innovationszentrums, das als eines von drei Projekten des Innovationsparks Dübendorf im Sommer 2017 seine Türen öffnen wird. Das Zentrum soll die Zusammenarbeit von Forschungsteams aus Akademie, Privatwirtschaft, öffentlichen Institutionen und Start-ups unterstützen. Die geplante Bandbreite an Aktivitäten geht von Accelerator-Programmen über Kongresse, Fachtagungen und Hackathons bis hin zu der Überlegung, einen Co-Working-Space für Start-ups einzurichten. Finanziert und geleitet wird das Projekt vom Kanton Zürich, der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) und der Zürcher Kantonalbank (ZKB), die eigens für diesen Zweck die Stiftung Innovationspark Zürich gegründet haben.

Blockchain Insurance Industry Initiative (B3i)

B3i ist ein Konsortium aus der Versicherungsbranche, das Anfang Februar dieses Jahres durch die Aufnahme zehn weiterer Mitglieder aus Europa, Asien und Amerika wahrhaft internationale Dimensionen angenommen hat. Im Oktober 2016 wurde es allerdings zunächst von fünf Mitgliedern gegründet, darunter neben zwei deutschen und einem niederländischen Versicherungsunternehmen (Allianz, Munich Re und Aegon) auch zwei Schweizer Firmen – Swiss Re und Zürich. B3i untersucht, wie sich mit Hilfe der Distributed-Ledger-Technologie der Datenaustausch zwischen Erst- und Rückversicherern effizienter gestalten lässt und arbeitet zurzeit an einem Proof of Concept. Die Forschungsergebnisse werden allen Mitgliedern auf einer Plattform zur Verfügung gestellt, die Informationen zur Blockchain, Use Cases sowie weitere Forschungsergebnisse umfasst. Das Ziel von B3i ist die Schaffung eines Industriestandards, erste Ergebnisse sollen im Juni 2017 vorliegen.

Das selbsternannte «Crypto Valley» Zug ist nicht unter den vorgestellten Initiativen aufgeführt, da es keine eigentliche Kooperation darstellt, sondern eher eine Vision für den Kanton Zug. Als wichtiger Bestandteil der Blockchain-Szene in der Schweiz soll das Schweizer Blockchain-Äquivalent zum US-amerikanischen Silicon Valley hier trotzdem noch Erwähnung finden: Erklärtes Ziel des Kantons Zug (der übrigens seit Juli 2016 Bitcoin als Zahlungsmittel bei Behördengängen akzeptiert) ist es, durch die Vernetzung von Schulen, Medien, Venture Capital/Private Equity, etablierten IT Firmen sowie jungen Start-ups ein «attraktives Kompetenz-Cluster» zu schaffen, «das sich dem internationalen Wettbewerb stellt». Wie das Zuger «Crypto Valley» längerfristig im Vergleich zu anderen Blockchain Hotspots, vor allem in den USA und Grossbritannien, abschneiden und ob es der Schweiz in Kombination mit den anderen Initiativen zur ersehnten Führungsposition verhelfen wird, bleibt abzuwarten; vor dem internationalen Vergleich scheuen muss sich das Zuger Ecosystem aus 26 Blockchain-Unternehmen mit Grössen wie Ethereum, Shapeshift und Xapo sicherlich nicht.

Die Tabelle gibt eine Übersicht über die vorgestellten Schweizer Blockchain-Initiativen im Finanz-/Versicherungssektor. Der angegebene Ort gibt dabei entweder den tatsächlichen Standort der Initiative an, falls ein solcher existiert, oder den Sitz des federführenden Unternehmens, falls die Aktivitäten voraussichtlich in der Schweiz stattfinden.

Ante Plazibat

Ante Plazibat

Nach seinem Masterabschluss in Information Technology, Management & Organizational Change an der Lancaster University, zog es Ante Plazibat an die Universität St. Gallen. Dort forscht und berät er bereits seit einem Jahr über die Themen Agilität im Sourcing, Standardisierung im Finanzsektor und Blockchain. Im Rahmen seiner Doktorarbeit erforscht Plazibat den Impact und Transformationsbedarf von disruptiven Technologien am Beispiel der Blockchain-Technologie. Während seines Bachelorstudiums in Wirtschaftsinformatik an der TH Köln, absolvierte er Kurse in IT Management und Unternehmensführung an der Columbia University in New York.
Ante Plazibat

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