Blockchain: Heiliger Gral oder überbewerteter Hype? Erkenntnisse aus der Finanzindustrie

Seit fünf Jahren wird die Blockchain-Technologie in den Medien intensiv diskutiert. Der Technologie wird ein hohes Disruptionspotenzial für den Finanzsektor zugesprochen sowie auch für weitere Branchen wie Versicherung, Logistik und Recht. Um den Mehrwert der Blockchain verstehen zu können, erklärt der folgende Artikel von Prof. Dr. Reinhard Jung und Ante Plazibat ihre DNA und Anwendungsfelder und zeigt beispielhaft auf, wie sich die Blockchain auf die Tätigkeit eines Controllers auswirkt.

Die Blockchain ist eine verteilte Peer-to-Peer Datenbank, welche programmierbare, unveränderliche und transparente Transaktionen in chronologischer Reihenfolge speichert. Dies ermöglicht eine neuartige Abwicklung von Geschäften zwischen Organisationen, die sich nicht uneingeschränkt vertrauen.

Der Artikel zeigt auf, dass es wichtig ist, einen genauen Blick auf die Charakteristika der Blockchain und ihre Typen zu werfen, um deren spezifische Auswirkungen für Organisationen zu erfassen. Die Blockchain zeigt, dass Infrastruktur, getrieben durch den technologischen Fortschritt, zu einem Gebrauchsgut wird. Drittparteien, deren Kernkompetenz in der Herstellung von Vertrauen zwischen zwei Organisationen ohne Vertrauensverhältnis liegt, können dadurch langfristig obsolet werden. Dies gilt auch für Drittparteien, die das Eigentum von Vermögenswerten sicherstellen. Um eine Disruption durch Blockchain zu vermeiden, sollten Organisationen ihre Wertversprechen überprüfen und mit den Charakteristika der Blockchain vergleichen.

Genau zu dem Zweck, Organisationen in der Finanzindustrie mögliche Anwendungsmöglichkeiten von Distributed-Ledger-Technolgien näherzubringen und sie bei der Auswahl der geeigneten Lösung (Ethereum, Hyperledger, Corda) zu unterstützen, hat das Business Engineering Institute in Kooperation mit dem Frankfurt School Blockchain Center die Blockchainforen ins Leben gerufen, eine Eventreihe, deren zweite Veranstaltung nach einem gelungenen Auftakt Anfang November in Frankfurt am 22. März in St. Gallen stattfinden wird.

Auch im CC Sourcing werden wir die am Innovationstag begonnene Arbeit an der Ausgestaltung der DLT-Use-Cases am 23. Februar im Rahmen des 4. CC Sourcing Workshops fortsetzen.


1 Einführung

Die massiven Investitionen in Blockchain-Prototypen, finanziert durch globale Geldgeber, sind im Jahr 2016 auf über US$ 500 Millionen gestiegen (CB Insight, 2017). Kryptowährungen wie Bitcoin bieten alternative Möglichkeiten für Zahlungen, darüber hinaus besitzt die Technologie jedoch noch viel größere Möglichkeiten und hat das Potential, die Art und Weise, wie Organisationen zusammenarbeiten und Geschäfte abwickeln, maßgeblich zu verbessern.

Kurz gesagt ist die Blockchain eine verteilte Peer-to-Peer Datenbank, welche programmierbare, unveränderliche und transparente Transaktionen in chronologischer Reihenfolge speichert. Dies ermöglicht eine neuartige Abwicklung von Geschäften zwischen Organisationen, die sich nicht uneingeschränkt vertrauen.

Der Artikel zeigt auf, dass es wichtig ist, einen genauen Blick auf die Charakteristika der Blockchain und ihre Typen zu werfen, um deren spezifische Auswirkungen für Organisationen zu erfassen. Die Blockchain zeigt, dass Infrastruktur, getrieben durch den technologischen Fortschritt, zu einem Gebrauchsgut wird. Drittparteien, deren Kernkompetenz in der Herstellung von Vertrauen zwischen zwei Organisationen ohne Vertrauensverhältnis liegt, können dadurch langfristig obsolet werden. Dies gilt auch für Drittparteien, die das Eigentum von Vermögenswerten sicherstellen. Um eine Disruption durch Blockchain zu vermeiden, sollten Organisationen ihre Wertversprechen überprüfen und mit den Charakteristika der Blockchain vergleichen. Im Hinblick auf das Controlling wird die Blockchain Einfluss auf einige Controlling-Prozesse haben. Nichtsdestotrotz wird die Blockchain den Controlle eher unterstützen, als dass sie die Rolle des Controllers bedroht.

 

2 Bitcoin, die neue Zahlungsinfrastruktur

Um das Potenzial der Blockchain begreifen zu können, ist es wichtig, ihren ersten Anwendungsfall zu verstehen: die Kryptowährung Bitcoin, die von dem Pseudonym Satoshi Nakamoto im Jahr 2008 erfunden wurde. Die Besonderheit dieser Kryptowährung liegt darin, dass die Manipulation von Transaktionen durch den Einsatz kryptographischer Verschlüsselungsmethoden verhindert wird und es somit keinen Bedarf für die Kontrolle der Transaktionen von einer zentralen Institution geben muss. Während Bitcoin als Zahlungsmittel angesehen werden kann, repräsentiert die Bitcoin-Blockchain die zugrundeliegende Infrastruktur, über die die Zahlungen ausgeführt und abgewickelt werden. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen traditionellen Zahlungssystemen und der Bitcoin-Blockchain. Während es in herkömmlichen Zahlungssystemen nur ein zentrales Transaktionsregister gibt, besitzt jedes Mitglied innerhalb des Blockchain-Netzwerks die gleichen Daten und somit auch das gleiche Transaktionsregister (siehe Abbildung 1).

In traditionellen Zahlungssystemen überwachen Banken nur ihre eigenen Transaktionen. Somit ist eine zentrale Behörde, wie z.B. eine Clearingstelle, notwendig, welche ein zentralisiertes Transaktionsregister über alle Transaktionen zwischen Banken führt. Dieser Intermediär wird durch die Blockchain obsolet, da jedes einzelne Mitglied des Netzwerks die gleichen Daten besitzt. Die Mitglieder einer Blockchain repräsentieren ein verteiltes Netzwerk von Computern. Für jedes Mitglied werden ein öffentlicher und ein privater Schlüssel generiert. Während der öffentliche Schlüssel eine Art Adresse, vergleichbar mit einer IBAN, darstellt, autorisiert der private Schlüssel einen Geldtransfer.

Wenn ein Mitglied des Blockchain-Netzwerks beabsichtigt, eine Transaktion einzuleiten, müssen mehr als 50% des Netzwerks einen Konsens über deren Gültigkeit erreichen. Im Validierungsprozess werden Transaktionen in Blöcken gesammelt, validiert und dann an alle Mitglieder des Netzwerks verteilt. Die Blöcke werden mithilfe der Rechenleistung der Computer validiert, welche aufgewendet wird, um ein mathematisches Problem zu lösen. Dieser Schritt ist nötig, um Mitglieder davon abzuhalten, betrügerische Transaktionen hinzuzufügen. Da der Sender über mehr als 50% der Rechenleistung des gesamten Netzwerks verfügen müsste, um dieses von der Gültigkeit einer betrügerischen Transaktion zu überzeugen, ist ein solcher Betrug praktisch unmöglich. Sobald ein Block validiert ist, erhält das Mitglied, welches das mathematische Problem lösen konnte, neu generierte Bitcoins als Belohnung.

Eine Bitcoin-Transaktion besteht immer aus einem Sender, dem Wert der Transaktion und dem Empfänger. Darüber hinaus können Bitcoin-Transaktionen bestimmte Bedingungen hinzugefügt werden. Beispielsweise kann man bei einer Transaktion definieren, dass die gesendeten Bitcoins erst nach einer bestimmten Anzahl an Tagen ausgegeben werden dürfen.

Abbildung 2 zeigt die Schlüsselelemente eines Blocks. Die Tatsache, dass jedes Mitglied einen chronologischen Überblick über alle Transaktionen besitzt, macht die Blockchain unveränderlich, da Änderungen von bestehenden Blöcken durch das Netzwerk nicht akzeptiert werden.

Da alle Mitglieder des Netzwerks über dieselben Daten verfügen, löst die Blockchain Technologie einen Paradigmenwechsel aus. Anstatt Geld von A nach B zu transferieren, wird lediglich das Eigentum eines Bitcoins transferiert. In Abbildung 2 transferiert Joe das Eigentum seiner 50 Bitcoins an Alice in Block 50. In Block 52 transferiert Alice das Eigentum ihrer 50 Bitcoins wiederum an Bob und Dan. Da alle Blöcke und Transaktionen miteinander verbunden sind, kann die Transaktionsgeschichte jedes Bitcoins bis zur ersten Transaktion zurückverfolgt werden.

Das Grundbuch bietet eine passende Analogie zum Eigentumswechsel über die Blockchain. Die Hauptfunktion des Grundbuchs ist, Immobilien und deren Eigentümer aufzuzeichnen, weshalb dort alle Eigentümer und Eigentümerwechsel eines bestimmten Grundstücks in chronologischer Reihenfolge erfasst sind. Die Blockchain arbeitet nun allerdings nicht mit Immobilien als Vermögenswerten, sondern mit Geld. Mit aktuellen Lösungen ist es nicht möglich, digitale Vermögenswerte wie Geld oder Aktien zu speichern oder zu transferieren, da diese einfach zu reproduzieren sind und daher eine zentrale Institution erfordern. Durch die Infrastruktur der Blockchain ist es jederzeit möglich, einen Vermögenswert zu definieren und eindeutig den derzeitigen Eigentümer sowie alle vorhergegangenen Eigentümer zu identifizieren. Wie in Abbildung 3 dargestellt, besitzt die Blockchain nicht nur infrastrukturelle, sondern auch vertragliche Charakteristika, welche in Kapitel 3 weiter erklärt werden.

 

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Blockchains zu typisieren. Eine davon geht von der Perspektive des Datenzugriffs (und daher Zugriff auf die Blockchain selbst) und des Validierungszugriffs aus. Der Datenzugriff kann öffentlich oder restriktiv sein, der Validierungszugriff mit oder ohne Genehmigung erfolgen. Abbildung 4 illustriert drei Blockchain-Typen, welche verschiedene Kombinationen von Daten- und Validierungszugriff aufweisen.

 

Die Bitcoin-Blockchain ist das bekannteste Beispiel einer öffentlichen Blockchain. Jeder Computer, der mit dem Internet verbunden ist, kann Mitglied des Blockchain-Netzwerks werden. Die Tatsache, dass jedes einzelne Mitglied der Blockchain Transaktionen validieren kann, erfordert Rechenleistung zur Verhinderung von Betrug. Während der Zugriff bei der hybriden Lösung öffentlich bleibt, ist die Validierung bei diesem Typ auf ausgewählte Mitglieder beschränkt. Daher sind zumindest die Mitglieder der Blockchain bekannt, welche die Validierung durchführen. Hybride und private Blockchains sind beide restriktive Blockchains, da jeweils mindestens eine zentrale Entität bestehen muss, welche über die Genehmigung von Mitgliedern entscheidet. Restriktive Blockchains sind nicht unbedingt auf Rechenleistung angewiesen, da die Transaktionsvalidierungen von einzelnen, von der zentralen Institution ausgewählten  Netzwerkmitgliedern durchgeführt werden können. Im Gegensatz zu öffentlichen Blockchains besitzen sie erhebliche Vorteile für Organisationen, da besonders Unternehmen wissen müssen, mit welchen natürlichen oder juristischen Personen interagiert wird. Die Kenntnis über Interaktionspartner kann z.B. Grundlage für die Einhaltung von regulatorischen Vorschriften sein.

3 Das volle Potential der Blockchain

Während Kapitel zwei die infrastrukturellen Charakteristika der Blockchain analysierte, geht dieses Kapitel auf ihre vertraglichen Möglichkeiten ein, welche das wahre Potential der Technologie offenbaren. Anfängliche Blockchain-Lösungen wie Bitcoin dienen dem einzigen Zweck, ein Zahlungssystem zu schaffen, welches unabhängig von zentralen Institutionen funktioniert. Durch die steigende Bekanntheit der Potentiale der Blockchain-Technologie entstehen jedoch neue Lösungen, deren Möglichkeiten jene der Bitcoin-Blockchain übertreffen. Wie im zweiten Kapitel erwähnt, besteht eine Bitcoin-Transaktion aus einem Sender, einem Empfänger und einem Wert. Zu dieser Transaktion können unter Bitcoin optionale Bedingungen hinzugefügt werden. Auf Ethereum, einer weiteren öffentlichen Blockchain-Lösung, werden Transaktionen durch ein Datenfeld erweitert, das Programmcode repräsentiert und unterschiedliche Datenmengen enthalten kann. Dieses Programm, auch «Smart Contract» genannt, kann verwendet werden, um vertragliche Verpflichtungen darzustellen, da es für eine Partei unmöglich ist, den Programmcode zu ändern. Abbildung 5 illustriert, wie «Smart Contracts» funktionieren.

In diesem Beispiel ist ein Mitglied als Käufer und ein weiteres Mitglied als Verkäufer einer Website definiert. Anschließend wird ein bestimmtes Datum als Zahlungsfrist festgelegt. Der letzte Teil des Vertrags beschreibt, dass beim Transfer von 5000 Ether (Kryptowährung der Ethereum-Blockchain) durch den Käufer an die Adresse des Smart Contracts der öffentliche Schlüssel des Käufers automatisch als neuer Eigentümer der Website festgelegt wird. Das gleiche Beispiel kann für den Prozess einer Immobilienhypothek angewandt werden (siehe Abbildung 6).

 

Beim Beantragen eines Hypothekarkredits ist der Kunde mit vielen Medienbrüchen konfrontiert. Darüber hinaus muss der Notar, ein zusätzlicher Intermediär, den Transfer der Immobilie vollziehen. Die infrastrukturellen Charakteristika der Blockchain helfen, Medienbrüche in den ersten Phasen des Prozesses zu verringern. Wenn  Grundbuchaufzeichnungen auf einer Blockchain erscheinen, kann der Kunde Transaktionsreferenzen liefern, welche das Immobilieneigentum bescheinigen. Smart Contracts initiieren den Wechsel des Immobilieneigentums, sobald die Bank dem Kunden das Darlehen übertragen hat. Die Blockchain ermöglicht die Begleichung von Zahlungsverpflichtungen direkt innerhalb eines Vertrages, indem die Verpflichtung mit Geld gesichert wird. In der realen Welt sind Vertrags- und Zahlungsverpflichtungen getrennt. Mit der Verwendung von Kryptowährungen werden diese beiden Verpflichtungen miteinander verbunden, was dazu führt, dass juristische Intermediäre, wie in diesem Fall der Notar, obsolet werden.

4 Implikationen für das Controlling

Wie in den vorhergehenden Abschnitten bereits erläutert, ermöglicht die Blockchain eine Interaktion zwischen Organisationen, die sich nicht vertrauen, da die Daten auf der Blockchain transparent und unveränderbar abgespeichert werden. Darüber hinaus bietet die Blockchain ein großes Potential für Vertragsabwicklungen, da Vertrags- und Zahlungsverpflichtung zusammengeführt werden. Sobald Organisationen die Blockchain-Technologie adaptieren, können Rechnung und Zahlung seitens interner und externer Kunden und Lieferanten über einen Smart Contract ausgestellt und beglichen werden, was zu automatisierten Prozessen und niedrigeren Fehlerquoten führt. Dies stellt eine maßgebliche Unterstützung bei der Bilanzierung dar. Darüber hinaus haben Wirtschaftsprüfungsunternehmen bereits damit begonnen, an Lösungen zu arbeiten, die Buchhaltungsaktivitäten innerhalb von Organisationen auf Blockchains speichern, was erhebliche Vorteile für Abschlussprüfer wie auch für das geprüfte Unternehmen mit sich bringt (Das, 2017). Abbildung 7 illustriert, auf welche Controlling-Aktivitäten die Blockchain am meisten Einfluss hat.

 

Durch die Blockchain kann sichergestellt werden, dass Daten nicht manipuliert werden können und es eine einheitliche Datenbasis gibt. Vor diesem Hintergrund kann die Blockchain klar als unterstützende Technologie gesehen werden. In Kombination mit weiteren Technologien wie bspw. der Künstlichen Intelligenz kann es jedoch sein, dass weit mehr Controlling-Aktivitäten in Zukunft automatisiert werden können. Auch bei diesen Technologien ist es wichtig, ihre DNA zu verstehen, um proaktiv auf die möglichen Einflüsse der Technologie reagieren zu können.

 

Referenzen

Belinky, M., Rennick, E., & Veitch, A. (2015). Why a paper for Fintech 2.0? Retrieved from
http://santanderinnoventures.com/wp-content/uploads/2015/06/The-Fintech-2-0-Paper.pdf

CB Insight. (2017). Investment Deals to Bitcoin & Blockchain Startups Fall Below 2014
Levels. Retrieved April 5, 2017, from https://www.cbinsights.com/blog/bitcoinblockchain-startup-funding/.

CC Sourcing. (2016). Blockchain Expert Interview. St. Gallen.
Das, S. (2017). “Big Four” Giant Deloitte Completes Successful Blockchain Audit –

CryptoCoinsNews. Retrieved April 18, 2017, from
https://www.cryptocoinsnews.com/big-four-giant-deloitte-completes-successfulblockchain-audit/.

Etherscripter. (n.d.). What is Ethereum? Retrieved March 31, 2017, from
http://etherscripter.com/what_is_ethereum.html.

Schröder, E. F. (1985). Modernes Unternehmens-Controlling : Handbuch für die
Unternehmenspraxis. Kiehl.

Ante Plazibat

Ante Plazibat

Nach seinem Masterabschluss in Information Technology, Management & Organizational Change an der Lancaster University, zog es Ante Plazibat an die Universität St. Gallen. Dort forscht und berät er bereits seit einem Jahr über die Themen Agilität im Sourcing, Standardisierung im Finanzsektor und Blockchain. Im Rahmen seiner Doktorarbeit erforscht Plazibat den Impact und Transformationsbedarf von disruptiven Technologien am Beispiel der Blockchain-Technologie. Während seines Bachelorstudiums in Wirtschaftsinformatik an der TH Köln, absolvierte er Kurse in IT Management und Unternehmensführung an der Columbia University in New York.
Ante Plazibat

Kommentar verfassen