Distributed-Ledger-Technologie im Aktienhandel

Durch den raschen Aufstieg von Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum im letzten Jahr ist das Thema Blockchain in das Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gerückt.  Weltweit befassen sich Unternehmen mit der Rekonfiguration ihrer Geschäftsmodelle, um die Potenziale der Technologie – direkte, automatisierte, kostengünstige und vor allem fälschungssichere Transaktionen – für sich nutzen zu können.  Durch seine hohen regulatorischen Anforderungen und dadurch bedingten zahlreichen Intermediäre und hohen Transaktionskosten stellt der Aktienhandel ein Anwendungsgebiet par excellence für den Einsatz der Blockchain oder anderer Distributed-Ledger-Technologien dar. Im Folgenden beschäftigen wir uns daher mit möglichen Anwendungsszenarien von DLT auf die bestehende Prozessstruktur im Aktienhandel. Verfasst wurde der Beitrag von Maximilian Reiter und basiert auf seiner Bachelorarbeit, die er zum Thema „Erstellung einer Taxonomie zu Distributed Ledger Technologien und Analyse ihrer Auswirkungen auf Industrienetzwerke am Beispiel des Aktienhandels“ am CC Sourcing verfasst hat. Mittlerweile ist er im Business Development für den Aufbau des Blockchainbereichs des Berliner Startups ExpertLead zuständig.

Distributed-Ledger-Technologie oder Blockchain?

Der Term Distributed-Ledger-Technologie (DLT) fasst alle Technologien zusammen, die sich die Idee einer dezentralen Datenspeicherung zu Nutze machen. Die Blockchain-Technologie ist somit ein Teil der DLT. Die zentrale Eigenschaft von Blockchains ist – neben der technologischen Komponente, der Datenspeicherung in Form von Datenblöcken – vor allem die Transparenz in Bezug auf gespeicherte Informationen (eine grundlegende Einführung zur Blockchain gibt es hier). Beim Großteil der bestehenden Blockchain-Netzwerke sind die gespeicherten Informationen für Nutzer frei zugänglich. Im Gegensatz dazu können durch DLT auch private Netzwerke geschaffen werden, in denen Informationen nur von relevanten Parteien geteilt werden. Diese privaten Netzwerke haben somit eine klar definierte Eigentumsstruktur, in der Freigaben und Funktionen der einzelnen Nutzer von einer zentralen Partei verwaltet werden. Aufgrund der fehlenden Regulation von öffentlichen Blockchains und der daraus resultierenden Unsicherheit sind im Aktienmarkt vorerst Geschäftsmodelle naheliegender, die auf privater DLT basieren (eine Übersicht über Blockchaininitiativen in der Schweiz gibt es hier).

Anwendung von DLT auf den Aktienhandel

Die bestehende Umwelt im Aktienmarkt ist charakterisiert durch intensive staatliche Regulationen sowie hohe Transaktionskosten, die durch zahlreiche Intermediäre ausgelöst werden. Der Grund für diese Ineffizienzen im System ist das Fehlen einer Vertrauensbeziehung zwischen den einzelnen Akteuren. Gegenwertig beruht das Vertrauen im Aktienhandel auf Institutionen wie beispielsweise Central Counter Parties (CCP), welche die Rolle als Bindeglied zwischen den einzelnen Parteien einnehmen. CCPs gewährleisten die bei einem Handel vereinbarten Bedingungen über den Zeitraum zwischen Handel und Transaktionsfinalisierung.  Durch DLT kann diese Funktion ersetzt werden. Diese potentielle Substitution schafft Raum für zahlreiche Geschäftsmodelle, welche sich die neuartige Technologie zu Nutze machen.

Unternehmen und Konsortien, die sich mit DLT beschäftigen, haben bereits das technologische Fundament für die Entwicklung von DLT-Geschäftsmodellen gelegt. Diverse Open Source Frameworks wie Hyperledger Fabric und R3 Corda können für verschiedene Anwendungszwecke adaptiert werden. Diese bestehenden Frameworks können Unternehmen bei der Entwicklung von DLT-Geschäftsmodellen für den Aktienhandel nutzen. Die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle erfordert somit keine technische Innovation, sondern eine reine Applikation bestehender Technologien auf neue Geschäftsfelder – wie beispielsweise den Aktienmarkt.

Verwahrung von Aktien

Ein Bereich, in dem die Applikation von DLT neue Geschäftsmodelle schaffen kann, ist die Verwahrung und Verwaltung von Unternehmensanteilen. Zurzeit wird diese Aufgabe von Central Security Deposits  (CSDs) übernommen. Diese sind für die Einhaltung der aus Unternehmensanteilen entstehenden Rechte und Pflichten sowie deren buchmäßige Übertragung verantwortlich. Durch den Einsatz von DLT können diese Aufgaben automatisiert werden. Die dezentrale Datenspeicherung und der daraus resultierende Single Point of Truth, d.h. die gleiche Sicht auf alle Daten, in DLT-Netzwerken ist dafür prädestiniert, Eigentumsrechte immaterieller Güter abzubilden. Außerdem kann die Integration von Smart Contracts (auf der Blockchain abgebildeten Verträgen) die Verwaltung der aus Aktien resultierenden Ansprüche – wie Dividendenzahlungen – automatisieren. Durch diese Voraussetzungen ist DLT in der Lage, die Rolle von CSDs vollkommen zu ersetzen.

Aktientransaktionen mit DLT

Im gegenwärtigen Post-Trade-Prozess wird die Übertragung von Aktien über zahlreiche Akteure – wie beispielsweise Custodian-Banken und Clearinghäuser – abgewickelt. Vor allem im transnationalen Aktienhandel führt dieser Aufbau zu enormen Ineffizienzen in Bezug auf Transaktionskosten und Transaktionsdauer. In einer derartigen Prozessumwelt – gegenwärtig werden Transaktionen mit einer Dauer von T+3 durchgeführt – kann DLT sein volles Disruptionspotential entfalten.

Der Einsatz von DLT bei Aktientransaktionen würde eine Übertragung von Eigentumsrechten in Echtzeit zu verschwindend geringen Transaktionskosten ermöglichen. Dies ergibt sich aus der Möglichkeit einer direkten Interaktion der beteiligten Akteure. Auch dieser Prozess wird durch Smart Contracts und den Single Point of Truth ermöglicht. Im ersten Schritt kann durch den Single Point of Truth gewährleistet werden, dass alle Akteure einer Transaktion die rechtmäßigen Eigentümer der gehandelten Instrumente sind – im Aktienhandel bezieht sich dies auf Aktien und Bargeld. Im nächsten Schritt wird die Eigentumsübertragung durch Smart Contracts automatisiert, wodurch bestehende Unsicherheiten – wie beispielsweise die Solvenz der Parteien – eliminiert werden. Somit können Investoren untereinander Unternehmensanteile austauschen, ohne externe Parteien zur Gewährleistung der Rahmenbedingungen hinzuzuziehen.

Fazit

Durch DLT können in der Zukunft die Prozesse zahlreicher Geschäftsfelder evolutionär entwickelt werden. Vor allem bei Finanztransaktionen ist die Implementierung von DLT sehr naheliegend, im Aktienhandel z. B. bei der Verwahrung und Verwaltung von Unternehmensanteilen sowie Post-Trade-Prozessen. Die zentralen Elemente hierfür sind Smart Contracts und der Single Point of Truth, durch die Prozesse automatisiert und Vertrauen in Transaktionen hergestellt werden können, für die vormals Central Security Deposits oder Clearinghäuser benötigt wurden.

Da die notwendigen Technologien für eine Blockchain-Applikation im Aktienhandel vorhanden sind, sollten Finanzinstitute keine Zeit verlieren, sich mit der Thematik und den bestehenden Konzepten und Frameworks auseinanderzusetzen, um mögliche Veränderungen der Marktstruktur zu antizipieren. Aufgrund der hohen Sicherheit im Netzwerk sowie der hohen Transaktionsgeschwindigkeit ist der Einsatz von DLT vor allem bei Post-Trade-Prozessen im Aktienhandel wahrscheinlich. Durch die fortschreitende Veränderung der Marktumwelt im Aktienhandel durch technologische Entwicklungen ist jedoch auf lange Sicht der Einsatz von DLT auch bei anderen Prozessschritten nicht auszuschließen.

 

 

Literatur:

European Banking Federation. (2016). Post-Trade Services Users and Providers. In European Post Trading Forum.

European Securities and Markets Authority. (2017). The Distributed Ledger Technology Applied to Securities Markets. Retrieved from https://www.esma.europa.eu/sites/default/ les/library/2016-773_dp_dlt.pdf

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