Zukunft der Kernbankensysteme

Spätestens mit Beginn der jetzigen FinTech-Welle ist klargeworden, dass Banken ohne Innovationen in vielen Bereichen langfristig Wettbewerbsfähigkeit einbüssen werden. Diese Realisation hat zu viel Aktivität im Bereich des Frontends, zum Ausbau digitaler Kanäle wie E- und Mobile Banking und zu neuen Formen der Kundeninteraktion geführt. Da jedoch auch der innovativste digitale Service nur so gut ist wie die Prozesse, die dabei im Hintergrund ablaufen, werfen wir in diesem Newsletterbeitrag einen Blick auf das Backend, genauer gesagt: auf die Kernbankensysteme. Der Beitrag basiert dabei auf einer Masterarbeit zum Thema „Zukunft der Kernbankensysteme“, die Anna Rontojannis beim CC Sourcing verfasst hat.

Wie sich die Kernbankensysteme in den nächsten Jahren entwickeln werden, wird vor allem durch zwei Faktoren beeinflusst: Technologie und Regulation. Regulierungen können sowohl dazu führen, den Status Quo zu erhalten, als auch eine Weiterentwicklung der Kernbankensysteme vorantreiben. Beispiele für ersteres sind Markteintrittsbarrieren für FinTechs, welche Innovationen die Dringlichkeit nehmen, und steigende Regulierungsanforderungen, deren Umsetzung einen Teil des Budgets in Anspruch nimmt, der nun nicht mehr für Innovationen zur Verfügung steht. Im Gegensatz dazu können Regulierungen zur Wettbewerbsförderung die Weiterentwicklung von Kernbankensystemen vorantreiben, wie z.B. die europäische Regulierung PSD2, die eine Öffnung des Zahlungsverkehrs gegenüber Drittparteien vorsieht.

Technologie dient als Überbegriff für verschiedene Einflüsse, die sich auf den technischen Fortschritt zurückführen lassen. Zum einen sind das Technologien im eigentlichen Sinn des Wortes, wie z.B. die Blockchain, deren Entwicklung sich direkt auf die Zukunft von Kernbankensystemen auswirkt, z.B. indem sie potenziell traditionelle Konten und damit auch Kernbankensysteme überflüssig macht. Zum anderen sind es technologische Innovationen, wie z.B. der sichere Zugriff von Drittparteien auf Kontodaten durch OAuth, welche bestimmte Entwicklungen wie in diesem Fall die Öffnung bestimmter Vorgänge gegenüber Dritten erst ermöglichen. Darüber hinaus darf aber auch der indirekte Einfluss von technologiegetriebenen Geschäftsmodellen in anderen Branchen auf die Bankenindustrie nicht unterschätzt werden.

Um die Frage zu beantworten, wie diese Einflüsse sich auf die Kernbankensysteme auswirken, hat Anna Rontojannis im Rahmen ihrer Masterarbeit 15 Interviews mit Experten aus Banken, FinTechs und von Anbietern von Standardsoftware für Kernbankensysteme geführt und basierend auf diesen Interviews drei Szenarien entwickelt:

1. Szenario: Status Quo

Im ersten Szenario, Status Quo, behalten die Banken ihre heutigen Kernbankensysteme bei. Neue Funktionalitäten werden durch den Anschluss von Umsystemen hinzugefügt, während das eigentliche Kernbankensystem im Wesentlichen auf eine Booking Engine reduziert wird. Zwar haben die Umsysteme oft nur Leserechte und können selbst keine Transaktionen auslösen, der hohe Aufwand und die Kosten einer Erneuerung eines Kernbankensystems und das Wissen um die Sicherheit und Stabilität der jetzigen Systeme, die sie in teils jahrzehntelangem Einsatz unter Beweis gestellt haben, sind jedoch gute Gründe, die für dieses Szenario sprechen.

2. Szenario: Öffnung der Kernbankensysteme

Das zweite Szenario beschäftigt sich mit der Öffnung von Kernbankensystemen gegenüber Drittparteien, durch die Banken ihr Angebot um innovative Drittservices erweitern und sich stärker von Wettbewerbern differenzieren können. Ein solches Szenario ist angesichts der europäischen Regulierung PSD2, die die Öffnung des Zahlungsverkehrs vorschreibt, in der Zukunft auch für die Schweiz denkbar. Auch der Wunsch der Banken nach mehr Modularisierung und der Möglichkeit, flexibel Kernbankensystemmodule unterschiedlicher Anbieter zusammenstellen und nutzen zu können, würde eine Systemöffnung und die Schaffung der dafür notwendigen Schnittstellen bedingen. Eine derart radikale Modularisierung würde allerdings mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Neuentwicklung der bestehenden Software erfordern, weshalb die Experten diesen Schritt für die unmittelbare Zukunft ohne regulatorische Notwendigkeit als unwahrscheinlich einstufen. Alternative FinTech-Provider von Kernbankensystemen, wie zum Beispiel Fidor oder ThoughtMachine, scheinen für Schweizer Banken zurzeit noch uninteressant zu sein, könnten in der Zukunft bei der Öffnung von Kernbankensystemen aber durchaus eine Rolle spielen. Die Entwicklung von Banking AppStores scheint für die Interviewteilnehmer zurzeit noch keine Option darzustellen, da sie die direkte Verbindung zum Kunden erhalten möchten.

3. Szenario: Dezentralisiertes Netzwerk

Das dritte Szenario ist die vollständige Ablösung von Kernbankensystemen durch ein dezentralisiertes Netzwerk auf Blockchain-Basis. Es beruht auf dem Potenzial der Blockchain, Banken als Intermediäre überflüssig zu machen. Da die Anwendungsmöglichkeiten der Technologie zurzeit noch erforscht werden, kann über die genaue Ausgestaltung eines solchen Netzwerks nur spekuliert werden. Ein wichtiger Punkt ist jedoch, dass die Blockchain die traditionelle Kontoführung ablösen könnte, wodurch Kernbankensysteme obsolet werden würden.

Die zuvor aufgeführten Szenarien schliessen sich gegenseitig nicht aus, sondern sind als zeitliche Abfolge zu verstehen. Szenario 1 beschreibt dabei die wahrscheinliche Entwicklung über die nächsten drei bis fünf Jahre. Langfristig ist die Innovationsfähigkeit dieses Szenarios jedoch relativ gering, weshalb es von einem der anderen beiden Szenarien abgelöst werden muss, wenn die Banken wettbewerbsfähig bleiben wollen. Akzeptiert man das Szenario des dezentralisierten Netzwerks als vorläufigen Endpunkt heutiger Entwicklungen, gibt es für Banken zwei Möglichkeiten, diesen zu erreichen. Die erste besteht darin, neben der Weiterentwicklung der bestehenden Kernbankensysteme im Sinne des Status Quo-Szenarios in einer separaten Unternehmenseinheit ein neues, auf der Blockchain basierendes System zu entwickeln und somit direkt vom Status Quo zu Szenario 3 überzugehen. Die separate Unternehmenseinheit ist der Tatsache geschuldet, dass die Blockchain nicht nur die IT-Infrastruktur einer Bank, sondern ihr gesamtes Geschäftsmodell verändern würde, und in mit einer solchen Struktur am besten neue Ideen getestet und implementiert werden können. Dieser Weg bietet sich vor allem für Grossbanken an, da vor allem sie sich stark an der Erforschung von Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain beteiligen.

Für Kantonal- und Privatbanken, welche mehrheitlich Standardsoftware verwenden, würde sich ein Übergang zu Szenario 2, der Öffnung der Kernbankensysteme lohnen, um in der Zwischenzeit keine Marktanteile an Challenger Banks, andere FinTechs oder Technologiekonzerne wie Google oder Apple zu verlieren. Allerdings müsste diese Öffnung von den Anbietern der Standardsoftware verfolgt werden, was eine klare und koordinierte Kommunikation des entsprechenden Bedürfnisses an die Anbieter notwendig macht. Falls die bestehenden Anbieter eher eine Status Quo-Politik verfolgen, wäre eine Alternative dazu die Zusammenlegung des Backoffice der Banken. Zwar wäre dadurch wenig Produktdifferenzierung möglich, Kantonalbanken könnten die nun freien Ressourcen jedoch für Investitionen in die Blockchain verwenden. Für Privatbanken würde sich eine solche Standardisierung auch deshalb lohnen, da sie sich allgemein stärker über die Beratung positionieren.

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