Das war das Blockchain Forum 2020 «Crypto Meets Banking» in Frankfurt

Zukünftig werden digitale Assets auf Basis der Distributed-Ledger- als auch der Blockchain-Technologie eine immer wichtigere Rolle im Finanzsektor spielen. Privatanleger, aber auch Finanzinstitute werden Zugang zu traditionellen und völlig neuen Anlageklassen erhalten. Die Marktpotenziale für Blockchain-basierte Vermögenswerte sind immens[1]. Doch wie kann sich der Finanzsektor auf diese neue Token Economy vorbereiten und welche Geschäftsmodelle entstehen durch innovative Digital-Asset-Ecosysteme? 

Das Event «Crypto Meets Banking: How to Blockchain-Enable the Financial Sector» lud alle Interessierten am 20.01.2020 nach Frankfurt ein, um auf diese und viele weitere Fragen mögliche Antworten zu geben. Experten aus dem Start-up- als auch aus dem Bankenumfeld generierten mit spannenden Vorträgen und Paneldiskussionen neue Insights, die zeigen, dass Bitcoin und seine zugrundeliegende Distributed-Ledger-Technologie die Finanzwelt auch weiterhin (r)evolutionieren werden. Im Folgenden stellen wir die spannendsten Erkenntnisse des Tages zusammenfassend vor.

Cryptos und Nachhaltigkeit kein Paradox

Der Bitcoin ist mit einem Anteil von mehr als 50 % an der Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen immer noch der König aller digitalen Blockchain-basierten Währungen. Die Zahl an professionellen Investoren mit Interesse an dieser neuen Assetklasse steigt. Doch wie sieht es mit der Nachhaltigkeit solcher Produkte aus, die langsam den Weg in das Produktportfolio von Banken und institutionellen Anlegern finden? Professor Phillip Sandner, Leiter des Frankfurt School Blockchain Centers, thematisiert zum ersten Mal das Bitcoin Mining vor dem Hintergrund aktueller Klimaziele und kommt zu dem Schluss, dass sich digitale Kryptowährungen und Klimaschutz nicht gegenseitig ausschliessen. Das sogenannte Mining, das Schürfen neuer Bitcoins zur Validierung des Netzwerks, ist zwar mit einer massiven Rechenleistung in der Grössenordnung des Stromverbrauchs von Österreich verbunden, aber die aufgewendete Energie stammt zu etwa zwei Dritteln aus erneuerbaren Energien. Solange erneuerbare Energien eine kostengünstige Alternative zu konventioneller Energie darstellen, führt das dem Bitcoin zugrundeliegende Anreizsystem langfristig zu einem «Green Bitcoin», da beispielsweise ein sinkender Wert des Bitcoins für viele auf Mining spezialisierte Unternehmen zu einem Verlust führen würde, wenn mit weniger effizienten Energiequellen (z. B. Kohle, Gas) und alter Hardware produziert wird. Allerdings ist der Grossteil der sogenannten Miningpools in Asien positioniert und es bleibt abzuwarten, wie sich die Energiepreise, der Wert des Bitcoins oder der Wettbewerb zwischen den einzelnen Mining Pools mittelfristig entwickeln werden.

Netzwerkstrukturen in der neuen Token Economy

Der Begriff Ecosysteme stammt ursprünglich aus der Biologie und beschreibt eine Gruppe von Organismen, die miteinander und mit ihrer Umwelt interagieren. Dadurch dass Wertschöpfung heute zu grossen Teilen in Unternehmensnetzwerken stattfindet, die eine ähnliche Funktionsweise aufweisen, hat das Konzept allerdings längst Eingang in die Geschäftswelt gefunden und wird zur Beschreibung und Analyse von Netzwerkstrukturen verwendet, so auch im Blockchain-Kontext. Blockchain Ecosystems bestehen aus physischen (und durch das IoT und Künstliche Intelligenz vielleicht bald auch aus digitalen) Akteuren, die miteinander auf der Blockchain und darüber hinaus auch mit der physischen Welt, der sogenannten Off-Chain-Welt, interagieren. Zu einem archetypischen Blockchain Ecosystem gehören die Nutzer, Miner, Developer, aber auch viele weitere (Off-Chain-)Akteure wie Plattformbetreiber, Börsen oder Notare. In seinem Beitrag geht Thomas Zerndt, CEO des Business Engineering Institutes St. Gallen, im Besonderen auf diese Konvergenz zwischen der physischen und der digitalen Welt ein und erklärt, was sie für Unternehmensnetzwerke wie den Wertpapierhandel bedeutet. Da die Kerninteraktion dieser Akteure ausschliesslich in Form von Transkationen stattfindet, können kombinierte IT-Systeme aufgebaut werden, die selektiv die Vorteile der Blockchain wie Vertrauenswürdigkeit, Transparenz und Dezentralisierung nutzen und gleichzeitig konventionelle und etablierte IT integrieren[2]. Die Blockchain ist existierenden Strukturen und etablierten Systemen nicht generell überlegen, weshalb Unternehmen dann den grössten Vorteil aus ihrer Nutzung ziehen, wenn sie die komplementären Eigenschaften beider Seiten kombinieren, um etwas Größeres zu erreichen. Dass dieses grosse Ganze über die reinen Kosteneinsparungen durch die Blockchain-Technologie hinausgeht, zeigt Jens Siebert, CSO der Kapilendo AG, am praktischen Beispiel der KMU-Finanzierung. Durch die Distributed-Ledger-Technologie werden Finanztransaktionen nicht nur kostengünstiger, sondern auch einem grösseren Investorenkreis zugänglich, da durch die geringen Transaktionskosten auch Crowdfinancing mit geringer Mindestinvestition für Investoren ermöglicht wird. Darüber hinaus stehen bereitgestelltes Kapital und Zinserträge den jeweiligen Parteien schneller zur Verfügung. Das Geschäft mit alternativen Finanzierungsprodukten ist ein Bereich mit grossem Potenzial, für den allerdings neue Rollen wie Krypto-Asset-Manager, Kryptobanken, alternative Handelsplattformen, Kryptobroker, Verwahrer, digitale Token-Börsen und physische Validatoren benötigt werden. Diese Rollen können meist von Finanzinstituten eingenommen werden, die zurzeit ähnliche Aufgaben in bestehenden Strukturen einnehmen und ihre Prozesse und Geschäftsmodelle lediglich erweitern müssen, anstatt sie neu aufzubauen. Ein Beispiel dafür ist die Rolle des Verwahrers, der momentan physische Wertpapiere verwahrt und somit bereits einen Teil der notwendigen Expertise besitzt, um in einem Blockchain Ecosystem Private Keys zu verwahren. Der Prozess der Transformation hin zu den für das Blockchain Ecosystem notwendigen Rollen setzt allerdings zuerst die Existenz einer vertrauenswürdigen verteilten DLT-Infrastruktur voraus. In einem nächsten Schritt liegt der Fokus auf der Verwahrung von Tokens, im Besonderen der vollständigen Einhaltung der Vorschriften, welche die sichere Ausgabe, Speicherung und Verwaltung digitaler Vermögenswerte ermöglichen. Erst wenn diese Voraussetzungen bestehen, kann ein neuer Finanzmarktplatz für digitale Assets auf der Blockchain aufgebaut werden. Diese Transformation ist eine Herausforderung, die es nun aktiv anzugehen gilt, um im globalen Rennen um die Innovationsführerschaft mithalten zu können. Henning Gebert, Head Banking International Swisscom, stellt in diesem Zusammenhang den aktuellen Status Quo in der Schweiz vor und zeigt auf, dass die Eidgenossen vor allem durch Kryptobanken wie SEBA oder Sygnum bei der Entwicklung von Blockchain-basierten Produkten an der Spitze liegt.

Digital-Asset-Ecosysteme sind auf dem Vormarsch

Die Roadmap für die nächsten Jahre ist also klar vorgegeben, so auch im Vortrag von Christian Labetzsch, dem Gründer von Blocksize Capital. Die DLT-basierte Kapitalmarktinfrastruktur wird sich mittelfristig durchsetzen. Die Eigenschaften der Technologie ermöglichen verschiedene verteilte Register, welche nahtlos miteinander interagieren können, wie zum Beispiel das Digital-Asset-Register zur Abbildung von Vermögenswerten oder das Cash-on-Ledger-Register für Settlement- und Clearing-Aktivitäten[3]. Weitere Register, z. B. für Identitäten, können einfach und modular aufgesetzt werden und machen beispielsweise Immobilien zu einem liquiden und einfach handelbaren Gut, das schneller als Sicherheiten und Investition genutzt werden kann. Das Risiko, dass eine Partei ihrer Lieferungs- oder Zahlungsverpflichtung nicht nachkommt (Gegenparteirisiko) entfällt in solchen Systemen vollständig, wie Dr. Matthias Hirtschulz, Senior Manager bei d-fine, verdeutlicht. Dafür entstehen jedoch neue Risiken, da durch die Dezentralisierung der Blockchain die Intermediäre wegfallen, die zuvor für die ordnungsgemässe Funktion des Systems einstanden. So auch der Grundtenor von Benjamin Schaub, COO von Plutoneo. DLT-Anwendungen im Bereich der Finanzdienstleistungen werden die Arbeitsabläufe, wie wir sie heute kennen, in den miteinander verbundenen Bereichen Bankwesen, Vermögensverwaltung, Investment-Banking, Handelsfinanzierung, Wertpapierdienstleistungen und Großhandelszahlungen nachhaltig verändern. Dass Technologie wesentlich dazu beiträgt, aber nicht die grösste Herausforderung dieser Transformation darstellt, zeigt sich in der Vorstellung von Bejamin Müller im Rahmen der Innovo Cloud Solution. Um DLT-basierte Services anbieten zu können, ist es nämlich nicht notwendig, selbst eine Blockchain zu entwickeln; die technologische Infrastruktur zur Bereitstellung Blockchain-basierter Services kann bereits heute an Startups ausgelagert werden. Die grössere Herausforderung für Finanzinstitute liegt vielmehr in der Einhaltung regulatorischer Vorgaben, wie zum Beispiel des Gesetzes zur Umsetzung der vierten EU-Geldwäscherichtlinie, das die Verwahrung von Tokens reguliert.  

Auf dem Weg zur Massenadoption

Bis zum flächendeckenden Einsatz der Blockchain / Distributed-Ledger-Technologie ist es zwar noch ein weiter Weg. Allerdings zeigen die Vorträge im Rahmen des Events «CryptoMeets Banking: How to Blockchain-Enable the Financial Sector», dass die Entwicklung der zur Massenadoption notwendigen Infrastruktur sowie der notwendigen technologischen und unternehmerischen Fähigkeiten in vollem Gange ist. Allein der Vergleich dieses Events mit dem Event aus dem letzten Jahr zeigt, wie stark die Beschäftigung mit der Technologie fortgeschritten ist: Wurden letztes Jahr noch grundlegende technologische Fragestellungen diskutiert, sind die vorgestellten Problemstellungen und Lösungsansätze heute bereits wesentlich differenzierter und zeigen ein tieferes Verständnis der Potenziale und Funktionsweise von Distributed Ledgers. Darüber hinaus sieht man an dem Beispiel der KMU-Finanzierung, dass es bereits erste Geschäftsmodelle gibt, die den Endkunden erreicht haben. Ähnlich sieht es bei den Kryptowährungen aus, die als Anlagemöglichkeit noch vor nicht allzu langer Zeit eher belächelt wurden, sich seitdem aber als alternative Anlageform bewährt haben und mittlerweile sogar im Retailgeschäft angekommen sind, mit den Kryptobanken an der Speerspitze dieser Entwicklung. Mittlerweile dürfte auch den letzten Skeptikern klar sein: Die Blockchain ist gekommen, um zu bleiben. Wer wartet oder zögert wird von der rasanten Entwicklung der Technologie zurückgelassen – vielleicht für immer.


[1] Das auf digitale Assets spezialisierte Finanzinstitut Finoa beispielsweise schätzt den Markt für digitale Assets im Finanzsektor auf 24 Billionen Dollar bis 2027. Eine Zusammenfassung ihres Reports gibt es auf Hackernoon.

[2] Dieses Prinzip lässt sich gut anhand der Logistikbranche illustrieren, wo von Sensoren übermittelte Containerdaten in der Blockchain gespeichert werden und in vorhandene ERP-Systeme integriert werden können, um Prozesse effizienter zu gestalten. Ein Beispiel für eine solche Lösung ist TradeLens, eine Kooperation von IBM und Maersk.

Roger Heines

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