Was die Welt verbindet: ISO-Normen und der Weg zum internationalen Blockchain-Standard (Teil 1)

Der Siegeszug moderner Technologien ist oftmals untrennbar mit der Entwicklung von Regeln, Leitlinien oder Merkmalen für ihre Anwendung verbunden. Egal, ob wir mit dem Auto im Urlaub unterwegs sind oder mit unserem Mobiltelefon das WiFi des Hotels nutzen, wir können uns sicher sein, dass das Betanken des Wagens und die Verbindung zum Internet im Ausland problemlos funktionieren. Was uns bei der Nutzung von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen im Alltag so selbstverständlich erscheint, basiert oftmals auf der internationalen Einführung von Standards in Form einer globalen ISO-Norm.

Eine derartige Interoperabilität soll nun auch das Standardisierungskomitee «ISO /TC 307 Blockchain und Distributed Ledger Technologies» schaffen. Mit dem Ziel, ein erstes Regelwerk bzw. Rahmenbedingungen für die Anwendung, Entwicklung und Handhabung einer der gehyptesten Innovationen der letzten Jahre umzusetzen, wurde im letzten Jahr in sieben Working Groups ein erster Standard publiziert, zehn weitere befinden sich in Entwicklung. Während der Mehrwert eines Standards für die Adoption und den Praxistransfer der Technologie aufgrund ihrer Dynamik und Komplexität unbestritten ist, gestaltet sich die internationale Konsensfindung aber oft durchaus herausfordernd.

Als Vertreter der BEI, die Repräsentant der Schweizerischen Normen-Vereinigung und Teil der Working Group «WG 03 – Smart Contracts and their Applications» ist, gebe ich im Folgenden zunächst einen Einblick in die oft unbeachteten Tätigkeiten der ISO und beleuchte im zweiten Teil des Beitrags die Standardisierungsaktivitäten der neuen Blockchain-Normierung beispielhaft anhand des Komitee-Meetings vom 26. bis zum 31. Mai 2019 in Dublin. 

Ein einheitlicher Standard für weltweite Produkte, Technologien und Dienstleistungen

«ISO» steht nicht nur als Akronym für den englischen Namen «International Organisation for Standardization», sondern stellt ebenfalls eine Anlehnung an den griechischen Begriff «Isos» dar, zu Deutsch «gleich», und beschreibt damit die internationale Vereinigung von 163 nationalen Normungsorganisationen mit Sitz in Genf. Einer der bekanntesten Standards, der aufgrund seiner Zertifizierung gegenüber Dritten ein weltweit hohes Ansehen geniesst, ist die sogenannte «ISO 9001», welche die Anforderungen an das Qualitätsmanagement einer Organisation beschreibt und definiert. Doch es gibt weit mehr: Seit der Gründung werden im Durchschnitt fast zwei Normen täglich publiziert, mittlerweile sind es damit insgesamt über 21.000 Normen. Ziel der Dachorganisation ist die Formulierung von Richtlinien zur Vereinheitlichung und Sicherstellung von weltweiten Qualitätsstandards für Güter und Dienstleistungen in allen Bereichen mit Ausnahme von Elektrik und Elektronik (Internationale elektrotechnische Kommission – IEC) sowie Telekommunikation (Internationale Fernmeldeunion – ITU). Alle drei Organisationen bilden gemeinsam die World Standards Cooperation, die bei Bedarf organisationsübergreifend Standards entwickelt, die wissenschaftliche Ergebnisse mit technischer Expertise und Erfahrung aus der Praxis vereinen. Die Normung generiert nicht nur einen Mehrwert für die Gesellschaft, sondern auch für die Wirtschaft, indem beispielsweise der globale Warenverkehr verbessert wird oder Produkte aus Unternehmenssicht effizienter gestaltet werden. Insbesondere beim Freihandel hat sich gezeigt, dass durch Standardisierung Handelsbarrieren und -hemmnisse abgebaut werden konnten.

Grundstein der ISO und heutige Rolle

Den Bedarf an internationalen Normen gab es bereits vor der Gründung der ISO. Vor allem im Zeitalter der Industrialisierung wurden technische Standards ab dem 19. Jahrhundert immer relevanter. Innovationen wie die Dampfmaschine und die Telegrafie ermöglichten einem breiteren Adressatenkreis den länderübergreifenden Güter- und Personenverkehr sowie die Kommunikation über Landesgrenzen hinweg, sodass viele heutige Standards in dieser Zeit entwickelt wurden. Technologien wurden bilateral genutzt und importiert. Dies erhöhte die Notwendigkeit der Vergleichbarkeit und Erfüllung von Mindestanforderungen. So wurden beispielsweise die «Greenwich Mean Time» mit ihren Zeitzonen oder das metrische System mit seinen Gewichts- und Längenmassen definiert. Doch die internationalen Standardisierungsbestrebungen kamen mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges zum Stoppen. Im Jahre 1946 versammelten sich daher Repräsentanten aus 25 Ländern in London, um über die Zukunft der Normung zu diskutieren. Hier sprachen sich das damalige Österreichische Normungsinstitut (ASI) und die Schweizerische Normen-Vereinigung (SNV) für die internationale Standardisierung als Schlüssel für den Wiederaufbau der Welt aus und legten damit als Gründungsmitglieder den Grundstein der heutigen ISO. Im Zentralsekretariat in Genf nahm die Organisation ein Jahr später ihre Arbeit mit dem Ziel auf, die von ihren Mitgliedsorganisationen entwickelten Normen zu harmonisieren. Dieses Leitprinzip gilt damals wie heute, um damit weiterhin eine positive Veränderung in einer sich immer schneller entwickelnden Welt hervorzurufen.

ISO-Normen als Wirtschaftsfaktor und gesetzliche Norm

Obwohl ISO-Normen nicht mit einer gesetzlichen Vorschrift gleichzusetzen sind, haben sich in der Vergangenheit viele Standards flächendeckend bewährt. Die Einführung von ISO-Containern führte seit den 70er Jahren zu einer Vervielfachung des Welthandels, sodass ihr Gebrauch Logistikunternehmen einen klaren wirtschaftlichen Mehrwert bietet. Grundsätzlich verpflichtet sich jedes Unternehmen aber nur freiwillig dazu. Der Wettbewerbsvorteil ihrer Anwendung ist damit ein gutes Beispiel für wirtschaftliche Selbstregulierung. Nichtsdestotrotz können Normen rechtswirksam werden, falls der Gesetzgeber explizit auf sie verweist. Dass die Normung und Standardisierung den Erfolg von Wirtschaft und Gesellschaft als strategisches Instrument unterstützen ist dabei unbestritten. So ist es nicht verwunderlich, dass zur Messung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums neben Faktoren wie dem Patentbestand auch der Normenbestand miteinbezogen wird. Während in der klassischen Volkswirtschaftslehre seit Adam Smith und David Ricardo die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital betrachtet werden, spielt für unsere heutige Dienstleistungsgesellschaft seit Robert Solow ein anderer Faktor eine immer wichtigere Rolle: «Wissen». Der Ökonom zeigte mit seinem Solow-Modell, dass nicht nur die quantitative Steigerung von Kapital und Arbeitskräften, sondern in erster Linie der qualitative Zuwachs durch technischen Fortschritt zu Wirtschaftswachstum führt. Um diesen Bestandteil, die «sogenannte Faktorproduktivität», auch mathematisch zu beschreiben, mussten neue Indikatoren herangezogen werden. Neben dem Patentbestand für die Entwicklung neuen Wissens hat sich hierbei der Normenbestand als hervorragender Indikator zur Wissensdiffusion herausgebildet. Standardisierungsaktivitäten sind damit ein integrales Element einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung und zeigen, dass es nicht nur nötig ist, Wissen zu entwickeln oder zu importieren, sondern auch es möglichst rasch in der gesamten Volkswirtschaft zu verbreiten.

Genau diese Wissensdiffusion versucht das Komitee «ISO/TC 307 on Blockchain and Distributed Ledger Technologies» durch die Schaffung von mindestens elf Blockchain-Normen zu erreichen. Mit den Vorteilen, aber auch den Herausforderungen der Schaffung eines Blockchain-Standards beschäftige ich mich nächste Woche im zweiten Teil dieses Beitrags.


Quellen

Blind, K.; Jungmittag, A. & Mangelsdorf, A. (2000). Der gesamtwirtschaftliche Nutzen der Normung.
https://www.din.de/blob/79542/946e70a818ebdaacce9705652a052b25/gesamtwirtschaftlicher-nutzen-der-normung-data.pdf

BPB-Bundeszentrale für politische Bildung (2017). Vor 70 Jahren: Gründung der Internationalen Organisation für Normung (ISO).
https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/243212/70-jahre-iso

DIN Deutsches Institut für Normung e.V. (2009). Die Deutsche Normungsstrategie.
https://www.din.de/blob/64112/fd8a92d436a3b6a403062002ff594271/deutsche-normungsstrategie-aktuell-data.pdf

ISO/ TC 307 (2017): Strategic Business Plan.
https://isotc.iso.org/livelink/livelink/fetch/2000/2122/687806/ISO_TC_307__Blockchain_and_distributed_ledger_technologies_.pdf?nodeid=19772644&vernum=-2

Schneider, R.U. (2005). Was die Welt zusammenhält.
https://folio.nzz.ch/2005/februar/was-die-welt-zusammenhaelt

Fotos by Christiana Democritos Aristidou.
https://www.facebook.com/AristidouC/posts/isotc-30726th-31st-may-20195th-plenary-meeting-dublin-irelandisotc-307-on-blockc/2226069247656085/

Roger Heines

Leave a Reply