Der Weg aus dem Tal der Enttäuschung – Wie geht es weiter mit der Distributed-Ledger-Technologie? (Teil 1)

Viele liess sie am Fortbestehen des Finanzsektors zweifeln: die Blockchain. Mittlerweile hat die Technologie den Gipfel der überzogenen Erwartungen des Gartner-Hype-Cycles erreicht. Wir gelangen nun in die nächste Phase, das Tal der Enttäuschungen, die sich dadurch auszeichnet, dass viele Versprechen revolutionärer Finanzdienstleistungen und -anwendungen nicht erfüllt werden können. Aktuell spiegelt sich diese Entwicklung bereits in den Preisen von Cryptocurrencies wieder, unter welchen vor allem der Bitcoin als Platzhirsch seit seinem hoch vor einem Jahr fast 75 % an Wert eingebüsst hat und nun bei 3900 CHF liegt. Es gibt zwar durchaus erfolgreiche erste Anwendungen der Distributed-Ledger-Technologie (DLT), die meisten kämpfen jedoch mit Kinderkrankheiten. Wir haben uns daher mit der Frage beschäftigt, welche Projekte in naher Zukunft bereits grossflächig zum Einsatz kommen können und der Technologie dabei helfen werden, aus dem Tal der Enttäuschungen herauszufinden und ihren berechtigten Platz als Basistechnologie in der Finanzindustrie zu beanspruchen.

Da die Vorteile eines Distributed Ledgers[1] vor allem da zum Tragen kommen, wo viele Akteure mit isolierten Systemen aufeinandertreffen, gilt unsere Untersuchung in dieser zweiteiligen Reihe dem Transaction Banking, das Handelspartner bei der Absicherung und Finanzierung ihrer Aktivitäten sowie beim Liquiditätsmanagement unterstützt. Es ist charakterisiert von inländischen und grenzüberschreitenden Zahlungen zwischen diversen Akteuren, welche meist unter Unsicherheit agieren, und datenschutz- sowie finanzrechtlich vergleichsweise wenig reguliert, sodass DLT in diesem Bereich bereits in kurzer Zeit flächendeckend erfolgreich zum Einsatz kommen könnte. In diesem Beitrag stellen wir das Potenzial des Einsatzes von DLT für den Güterimport/-export vor, indem wir den aktuellen Handelsprozess mit seinen Waren- und Finanzflüssen vorstellen und erläutern, wie die Eigenschaften von Distributed Ledgers die in diesem Prozess inhärenten Ineffizienzen verbessern können. Der zweite Beitrag beschäftigt sich im Anschluss mit DLT-basierten Handelsprozessen in der Praxis und stellt drei bereits existierende Konsortien im Bereich Transaction Banking mit ihrer jeweiligen Schwerpunktsetzung vor.

DLT in Trade Finance – Use Case Import/Export

Einen der lohnendsten DLT-Use-Cases im Transaction Banking bietet mit dem Güterimport/-export zweifellos der Bereich Trade Finance, da eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure in den Handelsprozess eingebunden sind, angefangen bei Importeur und Exporteur mit ihren jeweiligen Banken über Vermittler wie Korrespondenzbanken und Lieferanten bis hin zu Kontrollstellen wie Inspekteuren und Zollbeamten. Abbildung 1 zeigt den traditionellen Handelsprozess ohne die Distributed-Ledger-Technologie:

Abbildung 1 Trade Finance – Current-state process depiction (WEF, 2016)

Zuerst schliessen Importeur und Exporteur einen Vertrag über Menge, Preis und Liefer- sowie Zahlungsmodalitäten ab und lassen die Transaktion über einen Letter of Credit von der Importbank absichern, die diesen über ihre Korrespondenz der Exportbank zur Überprüfung sendet. Durch Gegenzeichnung des Letter of Credit durch den Exporteur wird der Warenfluss angestossen, die Sendung auf Vertragskonformität und Einhaltung rechtlicher Vorgaben von Wareninspekteur und Zollbeamten geprüft und die Ware gegen eine Bill of Lading an den Lieferanten übergeben. Nach einer weiteren Zollüberprüfung wird die Ware schliesslich an den Importeur ausgeliefert, der seiner Bank den Erhalt bestätigt und so die Zahlungsüberweisung von der Import- an die Exportbank auslöst, die wiederum über die Korrespondenzbank abgewickelt wird.

Da dieser Prozess viele Schnittstellen zwischen Akteuren aufweist, die keine Vertrauensbeziehung zueinander unterhalten und voneinander unabhängige Informationssysteme nutzen, entsteht viel Raum für Ineffizienz durch Informationsasymmetrie. Diese Ineffizienz entsteht einerseits durch die Zeitverzögerung bei der Weitergabe von Informationen, ihrer mehrmaligen Überprüfung durch unterschiedliche Parteien sowie möglichen Fehlern bei der Informationsübertragung. Zum anderen ermöglicht die Informationsasymmetrie durch nicht interoperable Systeme die Manipulierbarkeit von beispielsweise Frachtpapieren oder Rechnungen.

Eine signifikante Reduktion dieser Ineffizienzen sowie des Betrugspotenzials ermöglicht der Einsatz einer privaten DLT-Lösung in Kombination mit den heutigen Informationssystemen (Abbildung 2). Dezentralität, Unveränderbarkeit und Single Point of Truth sorgen dafür, dass alle Teilnehmer transaktionsrelevante Daten in Echtzeit in einer vertrauenswürdigen Quelle einsehen können, wodurch Zeitverzögerungen durch Datenübertragung und das damit einhergehende Fehlerpotenzial sowie doppelte Kontrollen einfacher Transaktionsdaten eliminiert werden. Überprüfungen können sich so auf kritische Prozessschritte wie die Kontrolle der im Letter of Credit festgehaltenen Bedingungen beschränken. Auch die vermittelnde Funktion der Korrespondenzbank wird obsolet. Die Programmierbarkeit der DLT trägt zur weiteren Steigerung der Effizienz bei, da die Vertragsbedingungen in Smart Contracts festgehalten werden und Prozesse bei deren Erfüllung automatisch ausgelöst werden können, wie z. B. die Überweisung des Rechnungsbetrags von der Import- an die Exportbank, nachdem der Importeur den Erhalt der Ware (oder in einem alternativen Szenario der Spediteur die Übergabe) durch seine digitale Signatur in Form eines Private Key bestätigt hat. Die Transparenz der DLT, auf der alle mit der Absicherung und rechtskonformen Abwicklung des Handels zusammenhängenden Informationen dokumentiert sind, verhindert Manipulation und erspart den Banken die Aufbereitung der für das Anti-Money-Laundering notwendigen Informationen für den Regulator, da diesem direkter Zugriff auf das Distributed Ledger gewährt werden kann.

Abbildung 2 Blockchain opportunity for trade finance (Hofmann et al., 2019, in Anlehnung an WEF, 2016 & Van Rooyen, 2017)

Dezentralität, Unveränderbarkeit, Single Point of Truth, Programmierbarkeit und Transparenz – all diese Eigenschaften prädestinieren die Distributed-Ledger-Technologie geradezu für das Transaction Banking bei all den Parteien, die in den Handelsprozess involviert sind. Welche Konsortien dies bereits erkannt und welche Lösungen sie auf Basis dieser Erkenntnis entwickelt haben, darum wird es im zweiten Teil gehen.

[1] Die Charakteristika von DLT könnt Ihr hier nachlesen.

 

Quellen

Hauptquellen:

Hofmann, E., Heines, R. & Omran, Y. (2019). Foundational premises and value drivers of blockchain-driven supply chains: The trade finance experience. In W. L. Tate, L. Bals & L. Ellram (2019). Supply Chain Finance: Risk management, resilience and supplier management (S. 225-253). London: Kogan Page.

World Economic Forum (2016). The future of financial infrastructure: An ambitious look at how blockchain can reshape financial services. http://www3.weforum.org/docs/WEF_The_future_of_financial
_infrastructure.pdf

Weitere Quellen:

A Trade Finance Initiative. (n.d.). https://www.marcopolo.finance/

Bermingham, F. (2018, November 01). R3 and eight banks launch Voltron blockchain platform for trade finance. https://www.gtreview.com/news/fintech/blockchain-project-voltron-launches-open-testing
-phase/

Morris, N. (2018, October 02). Trade finance blockchain consortia: How they differ. https://www.ledgerinsights.com/trade-finance-blockchain-consortium/

Morris, N. (2018, June 11). HSBC executes live trade credit using blockchain. https://www.ledgerinsights.com/hsbc-ing-blockchain-trade-finance/

Morris, N. (2018, May 09). Maersk outlines IBM joint venture. https://www.ledgerinsights.com/maersk
-outlines-ibm-joint-venture/

Wass, S. (2018, October 04). We.trade and Batavia merge blockchain platforms for trade finance. https://www.gtreview.com/news/fintech/we-trade-and-batavia-merge-blockchain-platforms-for-trade
-finance/

Wass, S. (2018, September 25). Marco Polo blockchain platform for trade finance released. https://www.gtreview.com/news/fintech/marco-polo-blockchain-platform-for-trade-finance-released/

Roger Heines

Roger Heines

Nach seinem Masterabschluss in Industrial Engineering an der TU Dortmund, war Roger Heines als Consultant in einer internationalen Unternehmensberatung tätig. Hier sammelte er relevante Projekterfahrung in der Prozess,- Automobil,- und Zuliefererindustrie mit den Schwerpunkten Produktion und Logistik. Im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes an der Universität St.Gallen verfasste er seine Masterarbeit im Bereich Blockchain Technology und Supply Chain Finance. Begeistert von den Potentialen, erforscht er nun als Doktorand im CC Ecosystems, wie innovative Technologien den Austausch von Informationen in Finanznetzwerken sowie zukünftige Finanzdienstleistungen revolutionieren werden.
Roger Heines

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