Rückblick – Das war unser Event «Ecosystems 2021 in der Finanzindustrie»

«Was sind die wegweisenden Entwicklungsfelder rund um das Thema Ecosystems in der Finanzindustrie und welche Szenarien ergeben sich hierdurch für die Zukunft der Branche?» Diese und viele weitere heiss diskutierte Fragen durften wir zusammen mit Deloitte am Donnerstag, dem 7. März, im Rahmen unserer neuesten Studie «Ecosystems 2021 – Was bringt die Zukunft» vor einem ausgewählten Publikum beantworten. An dem sonnigen Frühlingsabend folgten knapp 100 Teilnehmer aus der Banken-, Versicherungs- und Softwareindustrie unserer Einladung, um in Folium und Papiersaal der Alten Sihlpapierfabrik in Zürich einen Einblick in die spannende Thematik zu erhalten und bei möglichen Zukunftsszenarien live mitzudiskutieren.

Dabei hätte der Kontrast grösser nicht sein können. Veranstaltet in einem ehemaligen Fabrikgebäude, der Alten Sihlpapierfabrik aus dem Jahre 1886, treffen die Hinterlassenschaften der alten industriellen Welt mit ihren Maschinen, Fliessbändern und Papiermühlen auf die neue digitale Welt der Ecosysteme, Orchestratoren und Service Provider. Mit dieser Botschaft leiten Cyrill Kiefer (Partner Deloitte) und Thomas Zerndt (CEO Business Engineering Institute St. Gallen) das Event ein und verweisen hierbei auf die Notwendigkeit des Ecosystem-Paradigmas in Zeiten der Digitalisierung. Mit der Definition eines Ecosystems als dynamische Gemeinschaft verschiedenster Akteure, welche durch die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und durch Einhaltung gemeinsam vereinbarter Werte Märkte bilden und in einem gemeinsamen Geschäftsmodell Mehrwert schaffen, zeigen sich bereits die Komplexität des Themas und die grossen operativen und strategischen Herausforderungen, vor denen etablierte Unternehmen heute stehen. Auf der einen Seite ist die Teilnahme an Ecosystems für Finanzdienstleister mit umfassenden Chancen verbunden: stärkere Kundenbindung und Fokussierung, neue Formen der Erlösgenerierung, Einbindung spezialisierter Partner sowie die Aufteilung von Kosten. Auf der anderen Seite sind auch signifikante Risiken zu berücksichtigen: Verlust der Kundenschnittstelle, Bedenken bezüglich Datensicherheit, sinkende Margen, Kontrollverlust sowie Verlust der Markenidentität. Für Finanzdienstleister stellt sich damit die Frage, ob und wie sie sich in neu entstehenden Ecosystems positionieren wollen und wie das Produkt- und Dienstleistungsangebot ausgestaltet wird.

In diesem Spannungsfeld von strategischen und operativen Problemstellungen gibt unsere Studie eine erste Orientierung zur aktuellen Entwicklung und kann als Grundlage für die eigene Standortbestimmung dienen. «77 % der Finanzorganisationen sind davon überzeugt, dass Ecosysteme für ihre Unternehmen wichtig sind». Während der Studienpräsentation von Prof. Dr. Stefanie Auge-Dickhut (Business Engineering Institute St. Gallen) und Patrik Spiller (Lead Partner Monitor Deloitte) verdeutlicht diese Aussage den Handlungsbedarf. Ecosysteme sind bereits heute Realität und dürften sich auch künftig rasant und umfassend weiterentwickeln. Insbesondere in der Schweiz werden branchenfremde Unternehmen – speziell in Form der BigTechs – durch den direkten Zugang zu einer grossen Anzahl an Endkunden und ihres grossen Bekanntheitsgrades vermehrt in die Finanzindustrie vordringen. Die Vorstellung der wichtigsten Studienergebnisse des Events zusammenfassend im Überblick:

  • Der Stellenwert von kollaborativen Geschäftsmodellen für Finanzdienstleiser wird zunehmen
  • Der Wettbewerb um die Positionierung in den Ecosystems wird in Anbetracht der zukünftigen Marktmacht von branchenfremden Akteuren und Eigenheiten von kollaborativen Prozessen in Ecosystems zunehmen
  • Das Funktionieren von Ecosystems erfordert offene Systemarchitekturen und kollaborative Prozesse
  • Den für die Serviceerbringung in Ecosystems generierten Daten wird ein hohes Monetarisierungspotenzial zugeschrieben und Ecosystems sind auf deren Austausch angewiesen. Allerdings sind Finanzdienstleiser zurückhaltend im Austausch von Daten
  • Für die erfolgreiche Teilnahme an Ecosystems rücken Fachkenntnisse der Mitarbeitenden in den Hintergrund, während interdisziplinäre Handlungs- und Sozialkompetenzen an Bedeutung gewinnen
  • Regulatorische Einflüsse besitzen das Potenzial, die Entwicklung von Ecosystems zu fördern, sind aber nicht die Haupttreiber für die Entstehung von Ecosystems

Und was denkt Ihr? Ein besonderes Highlight während der Präsentation bot ein integriertes Live Voting. Ganz im Sinne dynamischer Gemeinschaften konnte das Publikum mittels Smartphone einen individuellen Beitrag zu vorgestellten Thesen im Ecosystem leisten. «Was würden sie als Kunde Ihrer Bank bzw. Ihrer Versicherung gerne sagen?» Die Abstimmung ergab ein differenziertes Bild. Ein Viertel der knapp 100 Teilnehmer wollen ein «Rundum-Sorglos-Paket» an Services und Leistungen. Etwas abgeschlagen die Verfechter der analogen Welt. Nur 5 % der Gäste wollen, dass ihr Finanzdienstleister ihre Daten nicht nutzt und auswertet.

Mit diesen Ergebnissen ging es dann auch zum letzten Programmpunkt des Abends, welcher abschliessend nochmals sehr spannende Impulse, Anregungen und Denkanstösse lieferte. «Der Kunde im Zentrum des Ecosystems», darüber diskutierten Marianne Wildi (CEO Hypothekarbank Lenzburg), Oliver Kutsch (Head of Banking Swisscom), Stephan Heller (Gründer & CEO FinCompare) sowie Matthias Rüegg (Head of Retail Transformation & Innovation Zurich Insurance) und beleuchteten darüber hinaus die aktuelle und zukünftige Positionierung der Finanzindustrie im Kontext digitaler Plattformen, des Austausches von Daten sowie der Anforderungen an Unternehmenskultur und Regulierung. Die Paneldiskussion wurde sachkundig und überaus kurzweilig von Cyrill Kiefer moderiert und bot interessante Debatten. Den Auftakt machte Oliver Kutsch, indem er die Ecosystemrollen abseits des Orchestrators hervorhob: «Banken müssen um den Gedanken drum herumkommen, dass sie das Zentrum eines Ecosystems sein müssen». Er verwies darauf, auch als Contributor im Ecosystem erfolgreich sein zu können. Marianne Wildi konkretisierte überspitzt das Selbstverständnis der Institute und stimmte mit einer Aussage zum Stand der aktuellen Entwicklung zu: «Banken meinen, sie seien recht weit beim Geschäftsmodell, aber eigentlich beschäftigen sie sich bisher nur etwas mit dem Datenaustausch und mit sich selbst als Zentrum im Ecosystem». Matthias Rüegg stellte zudem den eigentlichen Ansatz der Entwicklung in Frage und unterstrich die Relevanz dessen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. “Die Macht ist beim Kunden heute. Wenn wir als Bank oder Versicherung das nicht erkennen, springt er ab.” Das Kundenverhalten ist damit integraler Bestandteil des Ecosystem-Paradigmas, eine Tatsache, die agile Startups längst verinnerlicht haben. Stephan Heller ging sogar mit einer spannenden These einen Schritt weiter: «Sind FinTechs wie N26 ein Türöffner für chinesische Banken, um Zugang zum europäischen Markt zu kriegen?». Bei einem Punkt waren sich bei der Paneldiskussion alle einig: Um Ecosysteme kommt man nicht herum. Inwiefern Finanzdienstleister diese grossen, insbesondere auch kulturellen Herausforderungen meistern werden, wird sich in naher Zukunft zeigen. Diese und viele weitere Diskussionen konnten dann noch beim anschliessenden Apéros riche in der entspannten Atmosphäre der Location fortgeführt werden.

Herzlichen Dank an alle geladenen Gäste für den tollen Abend und den Austausch, insbesondere an die Redner, Moderatoren und Organisatoren. Wir schauen bereits mit Vorfreude auf unser nächstes Event, das Business Engineering Forum 2019 am 21.05. in St.Gallen, welches seit 2011 eine Knowledge-Plattform für die Gestaltung künftiger Geschäftsmodelle und Ecosysteme sowie zugrundeliegender Technologien bildet. Krönender Abschluss jedes Business Engineering Forums ist die Vergabe des Finance-IT Innovation Awards. In diesem Jahr werden unter den Bewerbern zwei Awards in den Kategorien „Ecosystems“ und „Innovative Technologien“ vergeben. Wir freuen uns, Sie hier begrüssen zu dürfen, um die Thematik weiterhin zu verfolgen oder – noch besser – sich für einen Award zu bewerben.

Hier geht es zur Website des Business Engineering Forums

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