Technostress – Die Schattenseite der zunehmenden Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien

Im Jahre 2013 wurde weltweit eine Milliarde Smartphones ausgeliefert und es wird prognostiziert, dass sich die Absatzzahlen im Jahr 2021 weltweit auf etwa 1.5 Milliarden Smartphones belaufen werden (Statista, 2019a). Zudem nutzen heute bereits rund vier Milliarden Menschen das Internet, was rund 60 % der Weltbevölkerung entspricht (Statista, 2019b). Diese Zahlen geben Aufschluss über den hohen Durchdringungsgrad von Smartphones und Internet in der heutigen Gesellschaft und verdeutlichen, dass Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) einen entscheidenden Einfluss auf den Alltag der Bevölkerung ausüben.

Wirtschaft und Gesellschaft haben im Allgemeinen stark von der zunehmenden Digitalisierung und dem Zugang zu IKT profitiert – Beispiele hierfür sind ein verbesserter Zugang zu Informationen sowie eine erhöhte Effizienz und Produktivität (Hitt & Brynjolfsson, 1996). Dennoch hat diese Entwicklung auch ihre Schattenseiten. Sowohl wissenschaftliche Studien als auch Berichte aus der Praxis weisen in den letzten Jahren vermehrt darauf hin, dass die Nutzung von IKT im privaten sowie auch organisationalen Kontext zu starken Stresswahrnehmungen bei den jeweiligen Benutzern führen kann (Riedl et al., 2012). Diese spezifische Form von Stress wird Technostress genannt und wurde erstmals in den 1980er Jahren von dem Psychologen Craig Brod geprägt (Brod, 1984). In der wissenschaftlichen Literatur stellt Technostress eine Unterkategorie von Stress dar, die in Situationen auftritt, bei der es durch die Nutzung von IKT zu einer Überforderung des Benutzers kommt (Tarafdar, 2019). Demnach ist Technostress eine Reaktion des Körpers auf starke psychische Belastungen, welche durch die Nutzung von IKT im persönlichen oder organisationalen Kontext hervorgerufen werden. 

Wie wird Technostress ausgelöst?

Es sind bisher fünf zentrale Gründe für die Entstehung von Technostress in der Wissenschaft identifiziert worden (Tarafdar et al., 2007; 2011; 2015; 2019):

  • Techno-Overload: Beschreibt eine Situation, in der die Nutzung von IKT dazu führt, dass der Nutzer länger und schneller arbeitet und Tätigkeiten parallel ausführt. Diese Situation wird beispielsweise ausgelöst durch die gleichzeitige Nutzung mehrerer Messenger- und Informationsapplikationen, die es ermöglichen, simultane Informationsstränge in Echtzeit zu erhalten und zu verarbeiten. Dies führt dazu, dass nicht alle Informationen effizient verarbeitet und genutzt werden können. Daneben kann die Benachrichtigung über eingehende E-Mails oder Nachrichten Druck auf die Nutzer ausüben, diese sofort zu beantworten, was dazu führt, dass die Tätigkeit, mit der der Nutzer zuvor beschäftigt war, unterbrochen wird.
  • Techno-Invasion: Die Nutzung von IKT führt dazu, dass Nutzer prinzipiell jederzeit erreichbar sind. Dies kann im ungünstigsten Fall dazu führen, dass Nutzer einen Zwang verspüren, jederzeit erreichbar sein zu müssen. Daneben kann es zu einem immer stärkeren Verschwimmen der Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben kommen.
  • Techno-Komplexität: Beschreibt eine Situation, in der der Umgang mit IKT bei Nutzern ein Gefühl der Unfähigkeit auslöst. Dies kann dazu führen, dass Nutzer den Zwang verspüren, Zeit und Anstrengung in das Erlernen und Verstehen verschiedener Anwendungen zu investieren. Dieser Effekt wird oftmals durch immer kürzere Entwicklungszyklen bei neuen IKT verstärkt.
  • Techno-Insecurity: Beschreibt Situationen, in denen Individuen die Angst verspüren, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, indem sie durch neue IKT oder Personen mit besseren IKT-Kenntnissen ersetzt werden.
  • Techno-Uncertainty: Die kontinuierlichen Veränderungen und Erweiterungen von IKT können Nutzer verwirren und ein Gefühl der Unwissenheit verursachen. Dies führt häufig zu Frust und Besorgnis, da erworbenes Wissen aufgrund der schnellen IKT-Entwicklungszyklen schnell obsolet wird und konstante Anforderungen an die Erlernung eins neuen Systems zu einer ständigen Überforderung führen können.
Welche Folgen hat Technostress?

Studien belegen, dass Technostress eine Vielzahl von physischen, psychischen und emotionalen Symptomen auslösen kann, wie zum Beispiel Erschöpfungserscheinungen, Kopfschmerzen, Angstgefühle, Konzentrationsprobleme, zwanghafte Gedanken und schlimmstenfalls sogar Burnout (Brillhart, 2004; Matteson & Ivancevich, 1987; Nelson, 1990). Diese Auswirkungen werden durch die zunehmende Digitalisierung weiter verstärkt.

Im organisationalen Kontext ist bewiesen, dass Technostress zu Rollenkonflikten, geminderter Produktivität, emotionaler Labilität und verringertem Engagement gegenüber der beruflichen Tätigkeit und dem Arbeitgeber führen kann (Ragu-Nathan et al., 2008). Eine Studie von Tarafdar (2007) zeigt eindrücklich, dass die Auswirkungen von Technostress die Gesundheit von Arbeitnehmern durch emotionale Erschöpfung bis hin zum Burnout langfristig gefährden kann. Besonders starke Auslöser von Technostress im Arbeitskontext sind häufig der technologische Anpassungsdruck durch die verkürzte Halbwertszeit von technologischem Wissen sowie das konstante Kommunikationsrauschen durch E-Mails, Messenger-Nachrichten und Anrufe (Böhm et al., 2016).

Wie können Unternehmen Technostress im Arbeitsalltag ihrer Mitarbeiter reduzieren?

Unternehmen können durch verschiedene Massnahmen dazu beitragen, dass der durch die Nutzung von IKT entstehende Technostress minimiert wird. Es ist an dieser Stelle wichtig, zu betonen, dass die Massnahmen nur ihre gewünschte Wirkung entfalten können, wenn sie korrekt aufgesetzt werden. Ist dies nicht der Fall, kann dies in einer Verstärkung des Stresses resultieren (Weibler & Garman 2019).

  • Aktives Wissensmanagement und Fortbildungen: IKT-bezogenes Wissen sollte im Unternehmen aktiv geteilt und dokumentiert werden. Darüber hinaus sollten professionelle Trainings zu Systemen und Anwendungen angeboten werden, um die empfundene Komplexität im Zusammenhang mit organisationalen IKT zu senken und den Lernprozess zu fördern.
  • Bereitstellung von technischem Support: Eine zentrale Anlaufstelle sollte Mitarbeiter bei aufkommenden Problemen oder Fragen zur Nutzung von IKT unterstützen. Beispielsweise kann ein leicht erreichbares Help Desk den Nutzer durch die Anwendung führen und anwendungsspezifische Fragen beantworten. Dies könnte zu einer Reduktion der empfundenen Komplexität und Unsicherheit bei der Nutzung von IKT führen.
  • Miteinbeziehung in den IKT-Prozess: Dies umfasst Massnahmen, um Mitarbeiter in den Prozess der Auswahl und Weiterentwicklung von IKT miteinzubeziehen. Dies kann unter anderem durch einen transparenten Umgang mit Informationen über die Einführung neuer IKT oder Updates erfolgen. An Mitarbeiter sollten unter anderem die Gründe für die Einführung von IKT und die erhofften Vorteile kommuniziert werden. Hierdurch werden Mitarbeiter in den Entscheidungsprozess involviert, wodurch Ihre Bereitschaft steigt, die IKT zu nutzen.
  • Innovations-Support: Unternehmen können Mitarbeiter durch Innovations-Workshops dazu ermutigen, mit IKT zu experimentieren und in einem ungezwungenen Umfeld Neues zu lernen. Dies kann dazu führen, dass die Techno-Insecurity reduziert wird.
Fazit und Ratschläge für Führungskräfte

IKT birgt neben einer Vielzahl bekannter Vorzüge auch das Potential, Technostress auszulösen, was weitreichende Auswirkungen auf die mentale, physische und emotionale Gesundheit von Individuen haben kann. Allerdings können Führungskräfte viel dazu beitragen, Technostress zu verringern, und zwar nicht nur auf Ebene des oberen Managements, sondern auf allen Ebenen der Organisation.

Eine Studie von Böhm et al. (2016) zeigt, dass die Beziehung zwischen Mitarbeiter und Führungskraft einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung von Technostress hat. Dies bedeutet, dass die Pflege eines guten Beziehungsklimas sowie eine offene und transparente Kommunikationskultur mit einer geringeren emotionalen Erschöpfung und Überforderung mit IKT einhergehen. Führungskräfte sollten somit versuchen eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Mitarbeitern aufzubauen und diese transparent über geplante IKT-Veränderungen zu informieren. Darüber hinaus sollten Führungskräfte die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben respektieren und Mitarbeiter trotz ständiger Erreichbarkeit im Regelfall nur innerhalb ihrer Arbeitszeiten kontaktieren.


Quellen:

Böhm, S. A., Bourovoi, K., Brzykcy, A., Kreissner, L. M., & Breier, C. (2016): Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit von Berufstätigen: Eine bevölkerungsrepräsentative Studie in der Bundesrepublik Deutschland. St. Gallen: Universität St. Gallen.

Brod, C. (1984): Technostress: The human cost of the computer revolution. Reading, MA: Addison Wesley.

Brillhart, P. E. (2004). Technostress in the workplace: Managing stress in the electronic workplace. Journal of American Academy of Business, 5(1/2), 302-307.

Hitt, L. M., & Brynjolfsson, E. (1996). Productivity, business profitability, and consumer surplus: three different measures of information technology value. MIS quarterly, 121-142.

Matteson, M. T., & Ivancevich, J. M. (1987). Controlling work stress: Effective human resource and management strategies. Jossey-Bass.

Nelson, D. L. (1990). Individual adjustment to information-driven technologies: A critical review. MIS quarterly, 79-98.

Ragu-Nathan, T. S., Tarafdar, M., Ragu-Nathan, B. S., & Tu, Q. (2008). The consequences of technostress for end users in organizations: Conceptual development and empirical validation. Information systems research, 19(4), 417-433.

Riedl, R., Kindermann, H., Auinger, A., & Javor, A. (2012). Technostress aus einer neurobiologischen Perspektive. Wirtschaftsinformatik54(2), 59-68.

Statista 2019a https://de.statista.com/themen/581/smartphones/

Statista 2019b https://de.statista.com/themen/42/internet/

Tarafdar, M., Tu, Q., Ragu-Nathan, B. S., & Ragu-Nathan, T. S. (2007): The impact of technostress on role stress and productivity. In: Journal of Management Information Systems, 24(1), 301-328.

Tarafdar, M., Tu, Q., Ragu-Nathan, T. S., & Ragu-Nathan, B. S. (2011): Crossing to the dark side: examining creators, outcomes, and inhibitors of technostress. In: Communications of the ACM, 54(9), 113-120.

Tarafdar, M., Pullins, E. B., & Ragu‐Nathan, T. S. (2015): Technostress: negative effect on performance and possible mitigations. In:  Information Systems Journal, 25(2), 103-132.

Tarafdar, M., Cooper, C. L., & Stich, J. F. (2019). The technostress trifecta‐techno eustress, techno distress and design: Theoretical directions and an agenda for research. Information Systems Journal29(1), 6-42.

Weibler & Garman (2019): https://www.leadership-insiders.de/technostress-eine-schattenseite-der-digitalisierung/?cookie-state-change=1588236218138

Katharina Schache

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