Status quo der Crypto und Blockchain Community – 3 Key Takeaways der Berlin Blockchain Week 2019

Hätte man das gedacht? Während sich vor ein paar Jahren noch wenige Early Adopters und Tech-Enthusiasten in Räumlichkeiten von Computerclubs versammelten, um über die technischen Vorteile von Public und Private Blockchains zu referieren, füllen sich heute die Coworking Spaces mit Bankern, Investoren und Anwälten, um sich über «Bafin»-lizensierte Anlagevehikel auf der Blockchain zu informieren. Ein bemerkenswerter Wandel, der aufzeigt, welche Entwicklung eine der gehyptesten Technologien der letzten Jahre durchgemacht hat. Der Professionalisierungsgrad der Community und die Entwicklung hin zu einer eigenständigen Industrie wurden auch bei den Veranstaltungen und Beiträgen im Rahmen der dritten Berlin Blockchain Week vom 25.-29. März 2019 deutlich.

Neben Zug im Crypto Valley ist die Landeshauptstadt Deutschlands eines der grössten Innovation Hubs für Blockchain-Technologien in Europa. Im Rahmen von Workshops, Hackathons, Pitch Sessions sowie der abschliessenden C3 Crypto Conference wurden in der Stadt unterschiedliche Events veranstaltet, um das Thema für verschiedenste Zielgruppen zugänglich zu machen. Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse der Berlin Blockchain Week mit einem Rückblick auf die spannendsten Beiträge der Woche zusammenfassend vorgestellt:

1. Obwohl die technischen Herausforderungen anwendungsspezifischer und komplexer werden, entwickelt sich die Technologie unaufhaltsam weiter

In den Offices des Blockchain Startups BigChainDB wird die Woche mit der Veranstaltungsreihe «Token Engineering» eröffnet, in der es um sogenannte «DAOs» (Decentralized Autonoumous Organizations) geht, d. h. vollständig autonome Organisationen, in denen alle Entscheidungen und Prozesse algorithmenbasiert und ohne jedes menschliche Eingreifen getroffen und ausgeführt werden. Was zunächst nach Science-Fiction klingt, wird durch öffentliche Blockchain-Plattformen und -Marktplätze nach dem Vorbild von Ethereum ermöglicht, welche das Potential haben, die Funktionsweise der Web Economy der Zukunft grundlegend zu dezentralisieren und soweit zu automatisieren, dass die Computerprotokolle eines DAOs völlig autonom über alle Governance-Fragen einer Organisation entscheiden können. Martin Köppelmann, Gründer von Gnosis, präsentiert in diesem Zusammenhang eine voll automatisierte Trading-Plattform, die «dxDAO», ein offenes Handelsprotokoll für ERC20-Token und Kryptowährungen. Es bestimmt einen fairen Wert für Token, erlaubt den Handel in Umgebungen mit geringer Liquidität und mildert schädliche Handelspraktiken wie Frontrunning. Aktualisierungen der intelligenten Vertragslogik, Whitelisting von Assets, Änderung der Gebührenstruktur, Anreizmaßnahmen für Marketingmaßnahmen, Beantragung eines zusätzlichen Security Audits oder Schaffung einer Liquiditätsversorgung sind weitere Beispiele vollautomatisierter Prozesse im Handelsprotokoll, die ohne jegliche Intervention eines Dritten auskommen. Der Beitrag zeigt die Komplexität, aber auch gleichzeitig den Reifegrad der Blockchain-Technologie von heute, ein Thema, das auch bei anderen Veranstaltungen, wie beim «Coding Berlin Meetup» immer wieder aufgegriffen wird. Denn trotz Herausforderungen wie mangelnder Skalierbarkeit im Netzwerk, fehlender Interoperabilität zwischen Blockchains und limitierter Programmierbarkeit von Smart Contracts sind heute schon bemerkenswerte Fortschritte bei Sicherheit und Performance erzielt worden (Sharding, Lightning Networks, Atomic Swaps etc.). Es zeigt sich immer mehr, dass sich mit der Blockchain und DLT eine eigene Technologie-Disziplin etabliert hat. Nicht zuletzt zahlt sich hier der Open-Source-Gedanke vieler Projekte aus. Durch die Verbindung von Theorie und Praxis mit Tools und Best Practices werden einige Blockchain-basierte Anwendungen schon bald den Reifegrad bestehender Systeme erreichen.

2. Das Blockchain Ecosystem wächst nachhaltiger, Projekte konsolidieren sich und die Anzahl von Partnerschaften steigt

Auf der dritten C3 Crypto Conference sind die Ausstellungsflächen im Gegensatz zu den letzten Jahren kleiner geworden – Qualität statt Quantität, so scheint das Motto. Neben Bitcoinautomaten findet man auch Aussteller für innovative Blockchain-basierte Industrieanwendungen, welche die Vorteile der Blockchain – vor allem ihre Dezentralität und den Global Source of Trust – nutzen. Es gibt weniger ICOs (Initial Coin Offerings) und mehr Projekte, die das Ziel verfolgen, wirkliche Business-Probleme zu lösen, anstatt nur ein Konzept für eine schnelle Fremdfinanzierung zu präsentieren. Da sich damit auch die Spreu vom Weizen trennt, entdecken immer mehr etablierte Corporates die Möglichkeiten von Partnerschaften und gezielten Investitionen in spezialisierte Blockchain Start-Ups und Industrie-Allianzen. So auch auf der «Ecosystem Night» der IOTA Foundation (Internet of Things Association), welche das übergeordnete Ziel verfolgt, mithilfe der Blockchain-Technologie eine neue Bezahloption für das Internet der Dinge bereitzustellen. Mit der Möglichkeit, Mikrotransaktionen über IOTAs Tangle, ein transaktionsbasiertes Distributed Ledger, abzuwickeln, soll hier in Zusammenarbeit mit Playern wie BOSCH, CISCO Systems u. v. m. ein Ecosystem entstehen, dass das Bezahlen von Maschinen untereinander dezentral ermöglicht.

Generell liegt der Fokus stärker auf langfristigen Wachstumsstrategien, um nachhaltig Gewinne durch reale Blockchain-Anwendungen zu generieren. Zudem zeigt sich, dass neue Use Cases weiterhin die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle treiben könnten, obwohl viele konzeptionelle Anwendungsfälle sich immer noch im Frühstadium befinden bzw. noch nicht umgesetzt worden sind. Beispiele sind Nischenindustrien wie die Abbildung von Immobilien oder Steuern auf der Blockchain. Diese Nischen zeigen zwar ein grosses Anwendungspotential für die Blockchain, den Weg zur Massenadoption werden die Applikationen aber sehr wahrscheinlich erst in industrieübergreifenden Kooperationen finden. Ein Vorreiter in der Finanzindustrie ist hier die Stuttgarter Börse, welche bereits im Februar mit ihrer Kryptogeld-Handels-App «Bison» für Kleinst- und Privatanleger live ging. Zusammen mit dem Axel Springer Verlag sowie der Springer-Tochter Finanzen.net soll nun eine weitere Plattform für digitale Token entstehen. Während die Börse für Handelsinfrastruktur sorgt, soll Springer Finanzinformationen für die Nutzer sowie Medienleistungen fürs Marketing beisteuern. Die Form der Kooperation hat damit nicht nur den Vorteil, das Risiko bei der Wette auf neue Geschäftsbereiche zu minimieren, sondern legt auch den Grundstein für ein dezentrales Plattform-Ecosystem für weitere Provider.

3. Auf dem Weg zur Adoption müssen Regulatoren und Innovatoren zusammenarbeiten

In den letzten zwei Jahren glichen Investitionen in Krypto-Analgen einer Achterbahnfahrt. Zuerst gab es einen massiven Anstieg diverser Kryptowährungen mit kaum ausgereiften Geschäftsmodellen. Da eine fehlende Regulierung oft zu Betrug verführte, gingen viele zweifelhafte Projekte unter und damit bares Geld verloren. Jetzt, im Jahr 2019, gibt es eine neue Art des digitalen Fundraisings, sogenannte Security-Token-Offerings (STOs). Als zweite Generation von Krypto-Token und ICOs sind Security Tokens vollumfänglich regulierte und tokenisierte Wertanlagen, digitale Vermögenswerte auf Blockchain-Basis, die grundsätzlich den Regularien der jeweiligen Wertpapieraufsichten entsprechen. Das Unternehmen Bitbond stellte mit seinem Bitbond Token (BB1) das erste tokenisierte Wertpapier in Deutschland vor, welches von der BaFin offiziell genehmigt und zum ersten Mal als ein echtes Wertpapier ohne Banken emittiert wurde. Die Kreditvergabe an KMUs wird durch den Token Investoren aus aller Welt zugänglich, die dabei die gleichen Rechte erhalten wie bei traditionellen Finanzmarktemissionen. Dadurch rücken regulatorische Fragestellungen wieder in den Fokus, was auch die Diskussion über die vermeintliche Rolle des Regulators als Showstopper der Blockchain Revolution eröffnet. Denn oft werden in Deutschland nur existierende Gesetze für neue Sachverhalte angewendet, ohne klare Definitionen oder ein Vorgehen für Unternehmer. Ohne rechtliche Rahmenbedingungen wartet somit manche Anwendung auf ihre Lizenz und somit auf den erhofften Durchbruch. Andererseits zeigt Bitbond mit dem ersten deutschen STO, dass die Blockchain Community nach Möglichkeiten sucht, sich in einem regulatorisch gesicherten Umfeld auszubreiten und auch die BaFin das Gespräch zu Blockchain-Experten sucht. Neben strukturellen Herausforderungen, wie der Entwicklung neuer Custody-Lösungen und der Aufbewahrung von Private Keys, zeigt sich in den Panel-Diskussionen, dass im Kern aller Anstrengungen der Investor vor Betrug geschützt werden muss. Langfristig muss es daher ein Zusammenspiel von Aufsichtsbehörden und Innovatoren geben. Eine Mischung aus Innovationstreibern und Regulatoren, die aktive bzw. reaktive Rollen einnehmen. Diese Zusammenarbeit könnte der Schlüssel sein, die traditionelle Form der Wertpapieremission und -anlage in nicht allzu langer Zukunft zu revolutionieren.

 

Es wird nicht mehr so viel über die Blockchain geredet wie zum Zeitpunkt des 20.000 Dollar All-Time-High des Bitcoin Anfang 2018. In der Tat ist es leiser geworden um Blockchain, DLT und Kryptowährungen, aber vielleicht zeigt sich damit auch nur der nächste logische Entwicklungsschritt und das Entwachsen dieser Innovation aus ihren Kinderschuhen. Die mediale Aufmerksamkeit ist einerseits gesunken und die skeptischen Stimmen über den fraglichen Anwendungszweck der Blockchain allgegenwärtig. Andererseits sind die Faszination und das Interesse derer, welche die Genialität dieser einzigartigen Technologie erkannt haben, weiterhin ungebrochen. Auf der «Blockchain Week» waren sich für eine Woche alle einig: Die Blockchain ist gekommen, um zu bleiben

 

Weiterführende Links

Token Engineering – Das dxDAO Ecosystem: https://www.youtube.com/watch?v=OCGblQGaAOk

C3 Crypto Conference 2019: https://crypto-conference.com/

Berlin Blockchain Week: https://www.berlin-blockchain-week.com/

Roger Heines

Nach seinem Masterabschluss in Industrial Engineering an der TU Dortmund, war Roger Heines als Consultant in einer internationalen Unternehmensberatung tätig. Hier sammelte er relevante Projekterfahrung in der Prozess,- Automobil,- und Zuliefererindustrie mit den Schwerpunkten Produktion und Logistik. Im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes an der Universität St.Gallen verfasste er seine Masterarbeit im Bereich Blockchain Technology und Supply Chain Finance. Begeistert von den Potentialen, erforscht er nun als Doktorand im CC Ecosystems, wie innovative Technologien den Austausch von Informationen in Finanznetzwerken sowie zukünftige Finanzdienstleistungen revolutionieren werden.
Roger Heines

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