IT-Innovationen sind gut für das Bankgeschäft

Finanzinnovationen sind spätestens seit der letzten grossen Finanzkrise 2007/08, zu deren Entstehung Bankprodukte und -praktiken wie Credit Default Swaps (CDS) und Tranching massgeblich beigetragen haben (Henderson & Pearson, 2011; Fostel & Geanakoplos, 2012), in den Köpfen vieler Menschen negativ konnotiert. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien konzentriert sich seitdem auf die negativen Konsequenzen von Finanzinnovationen für Wirtschaft und Gesellschaft und betrachtet sie vor allem als Mittel der Bankenindustrie, um uninformierte Kreditnehmer und Investoren auszunutzen und Finanzmarktregulierungen zu unterwandern, was die Volatilität der Finanzmärkte erhöht und wie im Falle der Finanzkrise sogar zu einer globalen Rezession führen kann (Gennaioli et al., 2012; Ashcraft & Schuermann, 2008; Henderson & Pearson, 2011; Fostel & Geanakoplos, 2012). Diese Einstellung gegenüber Bankinnovationen, die sogenannte innovation fragility-Perspektive, ist allerdings eine recht einseitige Betrachtung der Vor- und Nachteile von Innovation im Finanzwesen, denn unter den Begriff fallen nicht nur die oben genannten Produkte oder Subprime-Mortgages, sondern auch Online-Banking, Clearingprozesse, Credit Scoring-Systeme, Risiko- und Pricing-Algorithmen sowie neue Organisationsformen, wie z. B. reine Internetbanken oder Click-and-Mortar-Banken (Frame & White, 2014).

Weitet man den Fokus der Untersuchung derart aus, lässt sich durchaus auch viel Positives über Bankinnovation sagen. So argumentiert eine zweite Gruppe von Autoren, Anhänger der sogenannten innovation growth-Perspektive, dass Innovation im Finanzbereich nicht nur die Vielfalt an Bankprodukten erhöht und die Produkte selbst verbessert, sondern auch die Effizienz der Kapitalallokation verbessert, den Finanzmarkt vervollständigt und asymmetrische Information sowie die Risikobereitschaft von Finanzinstituten reduziert (Beck et al, 2016; Berger, 2003; Berger et al., 2011; Berger et al., 2005; Grinblatt & Longstaff, 2000; Houston et al., 2010; Jappelli & Pagano, 2002). Ein gutes Beispiel für die Nützlichkeit finanzieller Innovation sind Informationsbörsen im Bereich der Kreditvergabe, da sie neben höheren Kreditvolumina und niedrigeren Zinsen auch zu niedrigeren Ausfallraten führen und effizientere sowie präzisere Kreditbewertungsmodelle ermöglichen, was vor allem kleinen Unternehmen durch eine höhere Kreditverfügbarkeit zugutekommt (Brown et al., 2008; Frame et al., 2001).

Finanzinnovationen können die Stabilität des Finanzmarktes also sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Die bislang durchgeführten Studien lassen allerdings keinen Rückschluss darauf zu, ob Bankinnovationen sich allgemein positiv oder negativ auf die Risikoportfolios von Banken auswirken, da ihr Erkenntnisinteresse sich meist auf produktspezifische Innovation oder eine bestimmte Perspektive begrenzt. Diese Forschungslücke habe ich in meiner Forschungsarbeit zum Thema «Bank Innovation and Bank Risk-Taking» adressiert.

Um eine aggregierte, produktunabhängige Sichtweise auf Bankinnovation zu ermöglichen, messe ich sie in der Arbeit mittels erfolgreich angemeldeter Patente der 100 grössten US-amerikanischen Bank Holding Companies (BHCs) im Zeitraum von 2005 bis 2015. In der Europäischen Union werden Patente als Instrumente zur Sicherung von intellektuellem Eigentum weitaus weniger genutzt als in den USA, daher ist eine Studie mit Patenten europäischer Banken derzeit nicht aussagekräftig. Die Analyse der erhobenen US-amerikanischen Bankpatente zeigt, dass mindestens 96 % der erhobenen Innovationen und somit die Mehrheit der Patente des Untersuchungszeitraums auf Informationstechnologie (IT) basieren. Folglich untersucht die Arbeit de facto den Einfluss von IT-basierten Bankinnovationen auf das Risikoverhalten. Da Forscher wie Becalli (2007), Berger (2003) und DeYoung et al. (2007) der IT-Innovation noch vor Beginn der Finanzkrise 2007/2008 einen positiven Einfluss auf Risikomanagement, Umsatz und Eigenkapitalrendite (ROE) von Banken attestieren und Bankinnovation im Erhebungszeitraum in hohem Maße mit IT-Innovation verbunden zu sein scheint, geht die Arbeit davon aus, dass Innovationen im Finanzwesen im Allgemeinen die Risikobereitschaft von Banken positiv beeinflussen und formuliert folgende Forschungsfrage, die mithilfe einer zweistufigen Regressionsanalyse beantwortet werden soll:

H1: Eine Zunahme der Anzahl von Bankpatenten führt zu einem Rückgang der Übernahme von Bankrisiken

Vorgehen

Für die Abbildung der Innovationskraft wurde die Anzahl von Bankpatenten pro Bank Holding Company aus einem Panel von 1.926 Bankpatenten aus der DEPATISnet-Datenbank des Deutschen Patent- und Markenamts zusammengestellt, welches die patentamtlich gemeldeten Innovationen der 100 größten US-amerikanischen BHCs über einen Zeitraum von 2005 bis 2015 enthält. Die abhängige Variable Risikoverhalten wird jeweils mittels der Risikomaßzahl IL/GL = (ausfallgefährdete Kredite / Bruttokreditvolumen) und der Risikoplanungsgröße RIL/GL = (Reserven für ausfallgefährdete Kredite / Bruttokreditvolumen) gemessen, um ein möglichst differenziertes Gesamtbild der Risikobereitschaft zu erhalten. Während IL/GL für die tatsächlich eingegangenen Risiken einer Bank Holding Company steht, bildet RIL/GL die Risikovorsorge ab. Beiden Ansätzen liegt die Annahme zugrunde, dass die Risikovorsorge ein zentraler Aspekt der Risikotragfähigkeit einer Bank ist und somit Auswirkungen auf die Risikovariable IL/GL hat. Vereinfacht gesagt wird also untersucht, wie sich die Innovationen von Banken auf ihre Risikovorsorge und die letztlich zu tragenden Risiken auswirkt, wobei die Risikovorsorge natürlich ebenso Einfluss auf die Risikotragfähigkeit eines Finanzinstituts hat.

Nun muss für die Verwendung einer Regressionsanalyse allerdings die vermutete Kausalität zwischen den zu untersuchenden Variablen – eine Veränderung der Innovation führt zu einer Veränderung der Risikobereitschaft – plausibel argumentiert werden können. Da sich allerdings ebenso gut das Gegenteil behaupten liesse, nämlich dass eine Erhöhung der Risikobereitschaft die Innovationskraft einer Bank erhöht[1], wird eine sogenannte Instrumentenvariable benötigt, die die unabhängige Variable Innovation vertritt und somit eine zweiseitige Argumentation ausschliesst.

An dieser Stelle nutzt die Arbeit nun zwei bislang in noch keiner wissenschaftlichen Innovationsstudie verwendete Instrumentenvariablen: Zum einen die Akzeptanz von Homosexualität und zum anderen die ethnische Diversität der Umwelt als Treiber von Innovation. Die Annahme, die beiden Instrumentenvariablen zugrunde liegt, ist, dass eine von Diversität geprägte Umwelt die Innovationskraft von Unternehmen und somit auch von Banken fördert. Gemäss wissenschaftlicher Untersuchungen gilt eine bezüglich der sexuellen Orientierung und kulturellen Hintergründe offene Umwelt als kreativ und somit innovationsfördernd (Gao & Zhang, 2017; Bénabou et al., 2015; Lewis & Gossett, 2008; Black et al., 2000). Somit wird zusätzlich zur Hauptforschungsfrage untersucht, ob – unter Anwendung der Forschungsdaten zu den US-amerikanischen Banken – ein Zusammenhang zwischen (1) der Häufigkeit gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und der Innovationskraft und (2) zwischen ethnischer Diversität und Innovationskraft besteht. Die zu diesem Zweck verwendeten Variablen sind die Zahl der Personen, die in einem Haushalt mit einem gleichgeschlechtlichen Partner leben (Variablenname Ssex) und der auf der Grundlage von ethnischen Daten berechnete Diversity-Index (Variablenname Diversity). Die Daten beider Instrumentenvariablen wurden auf Ebene der US-Bundesstaaten erhoben und den Bank Holding Companies basierend auf ihrem jeweiligen Hauptsitzstaat zugeordnet. Achtung: An dieser Stelle wird nicht die Haltung der Bankmitarbeiter und deren Auswirkung auf die Innovationskraft untersucht, sondern die Auswirkung der Einstellung gegenüber Homosexualität und Diversität im jeweiligen Bundesstaat auf die Innovativität der jeweils dort mit Hauptsitz ansässigen Bank. Dieses Vorgehen ist zwar gewagt, da Banken generell als konservativ gelten. Jedoch kann an dieser Stelle aufgrund des Vorgehens die Teilforschungsfrage untersucht werden, ob Banken in einem offenen Umfeld innovativer sind. Bei der Überprüfung beider Instrumentenvariablen auf Basis der Stichprobe wurde festgestellt, dass sich sowohl Ssex als auch Diversity als Instrumentenvariablen je nach Spezifikation des Regressionsmodells tendenziell als «Ersatz» für Innovation und somit für eine Two-Stage-Least-Squares-Regressionsanalyse (eine zweistufige Regressionsanalyse) eignen könnten – eine generelle Validierung mittels weiterer Datensätze ist ein Ansatz für weitere Forschungsarbeit.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Regressionsanalyse deuten darauf hin, dass Bankinnovationen bzw. IT-basierte Bankinnovationen tendenziell das Risikoverhalten der Banken verbessern. Die mehrheitlich IT-basierten Innovationen der Stichprobe scheinen dazu beizutragen, dass Banken weniger Risiken tragen müssen. Scheinbar betreiben Banken aufgrund der IT-basierten Innovationen auch weniger Risikovorsorge. Das kann für Banken in Krisenzeiten nachteilig sein, muss es jedoch nicht – wenn z. B. die Risikomanagement-Systeme, Scoring-Modelle und weitere IT-basierte Innovationen dafür Sorge tragen, dass Risiken adäquat kalkuliert und somit flexibel antizipiert werden können. Darüber hinaus kann festgestellt werden, dass die sexuelle Orientierung (Ssex) eine bessere Instrumentalvariable für Innovationen ist als Diversity. Da Ssex auf Grundlage der Stichprobendaten ein potenzielles Instrument für die Innovationskraft zu sein scheint, wird gezeigt, dass ein bezüglich der sexuellen Orientierung aufgeschlossenes Umfeld Innovationen fördert. Dieses Ergebnis ist ein erster Schritt, um die simultane Kausalität zwischen Innovation und Risikoverhalten zu überwinden und eine geeignete Instrumentenvariable für die generelle Innovationskraft herzuleiten. Alles in allem deuten die Ergebnisse der Untersuchung darauf hin, dass vor allem IT-basierte Bankinnovationen wie Informationsbörsen, Risikomanagementsysteme, Risiko- und Preisberechnungsalgorithmen sowie weitere Erfindungen der Stichprobe (1) Banken bei der kontinuierlichen Risikobewertung unterstützen, (2) als Frühwarnsysteme zur Risikovermeidung dienen und somit die Risikovorsorge positiv beeinflussen, (3) die Nachfrage nach teuren Risikoreserven verringern und (4) somit einen positiven Einfluss auf die Finanzstabilität haben.

Wendet Euch bei Interesse an der vollständigen Forschungsarbeit gerne an christian.dietzmann@bei-sg.ch.

[1] Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft als simultane Kausalität oder Endogenitätsproblem bezeichnet.

Quellen

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Christian Dietzmann

Christian ist Doktorand im CC Ecosystems mit Fokus auf dem Einsatz Künstlicher Intelligenz in Finanzinstituten. Die Leidenschaft für Finanzinnovationen packte ihn während seiner Tätigkeit für das Kompetenzzentrum (damals noch CC Sourcing) während des Bachelorstudiums. Nach dem Bachelor in Business Economics (B.Sc.) sammelte Christian Bankingerfahrung in der UniCredit-Gruppe und widmete sein Masterstudium in Management Sciences (M.Sc.) dem Schwerpunkt «Banken und Versicherungen». Seine empirische Masterarbeit verfasste er zum Thema «Bank Innovation and Bank Risk-Taking». Nach dem Masterabschluss arbeitete er als Management-IT Consultant und beriet Unternehmen der Finanz- und Energiebranche.
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