Führungskräfte und Künstliche Intelligenz im Zeitalter des Informationsüberflusses

Die Diskussion zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) dreht sich häufig um die Optimierung von Prozessen oder das Erkennen von Mustern in riesigen Datenmengen. Während der Optimierung von Prozessen das monetäre Kalkül der Effizienzsteigerung innewohnt, adressiert das zweite vieldiskutierte Einsatzgebiet ein sehr menschliches Problem: Unser Gehirn ist zwar der bei weitem effizienteste Computer, allerdings sind derzeit weder Verarbeitungsgeschwindigkeit noch Speicherkapazität erweiterbar. Doch in einer Welt, in der ein Anstieg der jährlich generierten digitalen Datenmenge von 45 Zettabyte im Jahr 2019 auf 175 Zettabyte im Jahr 2025 prognostiziert wird, kommen wir Menschen mit unserer Hirnleistung höchstwahrscheinlich sehr bald an unsere Grenzen (IDC, 2020). Zur Erinnerung: Ein Zettabyte entspricht 1.000.000.000.000.000 Megabyte – wenn ich mich recht erinnere, hatte mein erster MP3-Player ein Speichervolumen von 64 Megabyte. Künftig muss unser Gehirn also sowohl im privaten Umfeld (Social Media) als auch berufsbedingt (E-Mail) noch mehr digitale Informationen als heute schon verarbeiten, einordnen und priorisieren.

Im Gegensatz zu meinem damals topmodernen MP3-Player versorgen uns die „Smart Devices“ und „Smart Services“ unserer Zeit mit allerlei Echtzeitinformationen. Das führt dazu, dass Smartphone und Co in Konkurrenz mit unserer Aufmerksamkeit in der realen Welt stehen. Achten Sie mal darauf, wie oft eine WhatsApp-Nachricht ein Gespräch unterbricht – selbst wenn ihr Gegenüber diese nicht sofort liest, sondern nur die Benachrichtigung auf dem Bildschirm erscheint. Ob wir wollen oder nicht, all die Notifikationen werden von unserem Hirn aufgenommen, verarbeitet und rauben uns somit Konzentration für das Wesentliche. Wer bislang meinte, Elon Musks‘ Idee der Hirn-Computer-Schnittstelle „Neuralink“ zur Erweiterung der Informationsverarbeitung sei nur ein Marketing-Schachzug oder schlichtweg KI-Dystopie, den bringt ein Blick in die Nutzungsstatistik des eigenen Smartphones sicherlich zumindest zum Grübeln. Denn auf absehbare Zeit wird sich die Frage stellen, wie wir a) als Menschen die Masse der einströmenden Informationen verarbeiten können, b) wie wir bei all dem Informationsüberfluss mental gesund bleiben können und c) wie wir gegen KI-Algorithmen ankommen sollen, falls diese uns bspw. mit gefälschten Informationen versorgen, die nicht von der Realität unterscheidbar sind.

Führungskräfte – die Rechenzentrale eines jeden Unternehmens

Zugegeben, die Überschrift dieses Abschnittes ist technisch gesehen strittig. Aber haben Sie schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, was eine Führungskraft Tag ein Tag aus tut? In erster Linie löst sie oder er neuartige, schlecht definierte Probleme – das ist die Art von Problemen, bei denen Ausgangspunkt, Zielzustand oder auch die Aktionen zur Erreichung des Zielzustandes unbekannt sind. Wissenschaftlich gesprochen löst eine Führungskraft solche Probleme mittels „unprogrammiertem Problemlösen“. Soll heißen, dass für das Problem kein bekanntes Vorgehen existiert und der Manager ein solches Vorgehen selbstständig erarbeiten muss. Und wie erarbeitet eine Führungskraft ein solch neuartiges Vorgehen? Korrekt, er oder sie beschafft sich so viele Informationen wie nötig, um das Problem besser beschreiben zu können und ein Verfahren zur Lösung zu entwickeln. Meist bearbeitet ein Manager natürlich nicht nur ein solches Problem pro Woche, sondern in unterschiedlicher Granularität mehrere pro Tag. Und somit wären wir nun doch wieder bei den Führungskräften als Rechenzentrale des Unternehmens, denn parallel zur Komplexität der Problemstellungen infolge von Digitalisierung, Globalisierung etc. steigt auch das Informationsangebot an. Letztlich transferieren Manager die Erkenntnisse des Lösungsverfahrens oder gar das Vorgehen selbst in die Ablauf- und/oder Aufbauorganisation hinein. Somit werden schlecht definierte in gut definierte Probleme überführt, die wiederum repetitiv und routiniert gelöst werden können.

Abbildung 1: Überführung von Erkenntnissen in repetitive Vorgehensweisen und Prozesse
Schmerzpunkte von Führungskräften bei der Informationsverarbeitung und die zukünftige Rolle von Künstlicher Intelligenz

Die Auswertung von drei Fokusgruppen-Interviews mit unseren Partnern des CC Ecosystems zeigt, dass sich Führungskräfte durch die Vielfalt verfügbarer Informationen aus dem Internet und den sozialen Medien, hierzu zählen im beruflichen Kontext vor allem LinkedIn und Co, überlastet fühlen. Laut Aussagen der Manager wird es immer schwieriger, die Relevanz von Informationen einzuordnen und die Objektivität der Informationen zu prüfen. Diese Herausforderungen sind eng mit schlecht strukturierten Daten verbunden: Da Führungskräfte häufig Probleme lösen müssen, die so noch nicht bestanden haben, können Informationen aus Analysen oder sonstigen Medien das betreffende Problem meist nur oberflächlich adressieren.  Um den Managern besser strukturierte Informationen zur Verfügung zu stellen, fehlt es in den Organisationen nicht nur an geeigneten Tools, sondern auch an Strategien zur Entlastung der Führungskräfte. Hier zeigt sich das eigentliche Dilemma im Informationszeitalter: Wenn die Organisationen nicht verstehen, mit welch zunehmender Flut an Informationen sich ihr Management zukünftig konfrontiert sieht, besteht die Gefahr einer sinkenden Entscheidungsqualität – mit negativen Folgen für das gesamte Unternehmen. Denn wenn die Führungsebene keine qualitativ hochwertigen Erkenntnisse über neuartige Probleme generieren kann, werden die davon abgeleiteten Vorgehensweisen und Prozesse dem Unternehmen keinen langfristigen Mehrwert bringen. Somit könnte die Informationsüberlastung in Kombination mit den natürlichen kognitiven Restriktionen der Führungskräfte den langfristigen Erfolg von Unternehmen gefährden. Darüber hinaus behindern auch organisatorische Datenschutzbestimmungen den großflächigen Einsatz von KI-Systemen.

Die Vorteile der Nutzung von KI-basierten Tools für Management-Aufgaben liegen laut der Teilnehmer in der Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen vorbereitet werden können sowie im Ausschluss von Emotionalität während der Informationsverarbeitung. Interessanterweise wollen die Führungskräfte allerdings, dass die Ergebnisse eines KI-basierten Tools weiterhin von einem Menschen validiert werden. Außerdem würden sie KI-Tools am liebsten bei repetitiven Aufgaben einsetzen und favorisieren bei komplexeren Aufgaben bei Verfügbarkeit menschliche Experten. Generell empfinden Manager die fehlende menschliche Komponente als Verlust. Darüber hinaus könnten KI-Tools Schwierigkeiten im Umgang mit irrationalen Situationen haben und missbräuchlich gegen die Nutzer angewendet werden. Irrationale Situationen sind Ereignisse, die ein KI-System nicht interpretieren kann, z. B. weil es nicht darauf trainiert wurde, diese Situationen zu erkennen. Obwohl Online-Übersetzer immer besser werden, gibt es aufgrund der Komplexität menschlicher Sprache immer wieder Fälle, in denen eine KI nicht in der Lage ist, eine verständliche Übersetzung anzubieten, weil zum Beispiel der Ausgangstext einen Fehler enthält, der für einen Menschen keine Schwierigkeit darstellen würde. Diese Lücken bei der Konfiguration sind natürlich keine Absicht, sondern treten häufig aus dem einfachen Grund auf, dass der Mensch zwar sehr viel weiss, aber nur einen Bruchteil seines Wissens in Worte fassen kann. Dieses Phänomen nennt sich Polanyi-Paradoxon. Den unbewussten Teil unseres Wissens können wir nicht in Anforderungen an ein KI-System übersetzen, wodurch für das KI-System irrationale Situationen entstehen. Der Missbrauch eines KI-System für Führungskräfte könnte bspw. so aussehen, dass bewusst Falschinformationen in gewisse Medien eingespielt werden, die wiederum vom KI-System analysiert werden und somit Eingang in die Entscheidungsfindung des Managements finden. Eine weitere zentrale Barriere zur Nutzung von KI-Tools durch Führungskräfte stellt das Vertrauen in die Systeme dar, außerdem müsste die Präzision der Empfehlungen durch die Systeme sehr hoch sein. Eine der höchsten Barrieren stellt nach Aussage der CC-Partner jedoch die Datenqualität dar, die meist nicht ausreiche, um qualitativ hochwertige KI-Tools anzubieten.

Abbildung 2: Auswertung der Fokusgruppen-Interviews aus dem CC Ecosystems
Führung im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz

Sicherlich ist es nicht ratsam, allen Führungskräften sofort eine Hirn-Computer-Schnittstelle nach Vorbild von Neuralink zu implantieren. Allerdings fühlen sich Führungskräfte bereits heute von der Masse an Informationen überlastet und sehen diesen Aspekt in ihren Organisationen nicht hinreichend berücksichtigt – das haben die Ergebnisse der Fokusgruppen-Interviews gezeigt. Eine Unternehmung ist nur dann erfolgreich, wenn Entscheidungen fundiert getroffen werden können. Insbesondere von Führungskräften erwartet man, dass sie täglich sinnvolle Antworten auf neue Probleme finden. Eine gute Entscheidungsqualität setzt jedoch zwingend die Analyse einer Vielzahl von Informationen voraus. Insbesondere in Anbetracht der wachsenden digitalen Datenmenge sollten den Managern KI-basierte Tools zur Verfügung gestellt werden, damit sie weiterhin gute Entscheidungen im Sinne der Zukunftsfähigkeit der Unternehmung fällen. Ein gutes Beispiel für ein transparentes und gut verständliches KI-System zur Entscheidungsunterstützung bietet „Sentifi Intelligence“, einer der Sieger unseres Finance-IT Innovation Awards 2019: Sentifi unterstützt Investoren bei der Informationsverarbeitung und letztlich Entscheidungsfindung, indem es Nachrichten, Blogbeiträge oder Tweets von z. B. Portfoliomanagern oder Aktivisten analysiert und ihre Meinung zu bestimmten Unternehmen auswertet. Diese Meinungen werden mit bestimmten Events, wie z. B. geplanten Unternehmensübernahmen, in Verbindung gebracht, sodass bspw. ein Investment-Manager ein umfangreiches Bild des Unternehmens abseits der Finanzkennzahlen erhält. Die Meinungen werden in einer Empfehlung zum jeweiligen Unternehmen gebündelt, aber der Entscheider kann jederzeit nachvollziehen, wie sich die Empfehlung zusammensetzt, wer sie geprägt hat und welche Ereignisse die Meinungen maßgeblich beeinflusst haben.

Die schiere Wirkkraft der Entscheidungen von Führungskräften in Unternehmen rechtfertigt eine strategische Auseinandersetzung mit der Frage, wie man Manager in ihren Aufgaben besser unterstützen kann. Für Führungskräfte ist es im Zeitalter der Informationsüberlastung wichtig, den Überblick zu bewahren, andernfalls ist die nachhaltige Existenz vieler Unternehmen gefährdet. Darum ist es vor allem wichtig, dass die Manager nachvollziehen können, wie unterstützende KI-Systeme funktionieren – andernfalls sehen sie sich der Gefahr von Manipulation und Missbrauch gegenüber. Denn schon Shakespeare fragte zurecht: „Was ist der Körper, wenn das Haupt ihm fehlt?“.


Literatur

IDC, 2020. The Digitization of the World From Edge to Core. URL: https://www.seagate.com/files/www-content/our-story/trends/files/dataage-idc-report-final.pdf

Christian Dietzmann

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