Ecosysteme des Ostens – Was wir von WeChat lernen können

Derzeit können wir beinahe täglich beobachten, wie Westen und Osten um ihre zukünftige Positionierung auf dem Weltmarkt ringen. Der Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China ist da jedoch nur ein Symptom eines viel weitreichenderen Konflikts. Neben den vordergründigen Problemen wie etwa (nicht-) tarifären Handelshemmnissen, Cyber Intrusion (Hackerangriffe) im Wirtschafts- und Rüstungsbereich oder dem stark eingeschränkten Zugang zum chinesischen Markt[1] scheint es vor allem um eins zu gehen: der zukünftigen Technologieführerschaft[2].

Wie stark sich bereits die Fronten des Ostens und Westens ausgebildet haben, lässt sich vor allem an den etablierten Technologiegiganten beobachten, die in den letzten Jahren nicht mehr wegzudenkende Ecosystem-Geschäftsmodelle etabliert haben. So sieht sich der US-amerikanische Riese Amazon (Marktkapitalisierung von knapp 880 Mrd. EUR, Juli 2019) dem chinesischen Giganten Alibaba (Marktkapitalisierung knapp 390 Mrd. EUR, Juli 2019) gegenüber. Zwar hat Amazon derzeit die Nase noch weit vorne, jedoch wird Alibaba ein enormes Wachstumspotential alleine auf dem chinesischen Markt prophezeit. Alleine der chinesische E-Commerce-Markt wird für 2020 auf etwa 1.7 Billionen US Dollar geschätzt, der E-Commerce-Markt der USA lediglich auf etwa 630 Mrd. US Dollar[3]. Ein weiteres Beispiel bietet das Unternehmen Tencent, welches die führende chinesische Chat-Plattform 微信 (Weixin) betreibt, im Westen besser bekannt als WeChat.

WeChat wurde im Jahr 2011 eingeführt und funktioniert ähnlich wie die US-Plattform WhatsApp: Nutzer haben in erster Linie die Möglichkeit, ein Netzwerk aus Freunden und Bekannten aufzubauen, Nachrichten, Sprachnachrichten oder Bilder auszutauschen. WeChat zählte Ende 2018 bereits mehr als 1 Mrd. monatlich aktive User (MAU)[4] und täglich durchschnittlich etwa 45 Mrd. Nachrichten im Jahr 2018. WeChat ist in China für über ein Drittel (34 %) des mobilen Datenverkehrs verantwortlich[5]. Doch was unterscheidet WeChat letztendlich von WhatsApp und was macht es darüber hinaus so erfolgreich?

Im Gegensatz zu Facebook oder WhatsApp schaffte es Tencent, ein funktionierendes Ecosystem rund um die Plattform WeChat zu entwickeln. 2017 wurden sogenannte „Mini Programs“ eingeführt, welche innerhalb von WeChat zusätzliche Funktionalitäten ermöglichen. Viele erinnern sich vielleicht noch an die zahlreichen Spiele, welche in Facebook integriert waren. Doch innerhalb von WeChat wurde mehr als nur Mafia Wars oder Farmville implementiert. Die Mini Programs decken neben Spielen auch Lifestyle, Nachrichten, E-Commerce, Reisen und mehr ab. So kann der Nutzer beispielsweise eine Bike-Sharing-Applikation innerhalb von WeChat installieren, welche ihm den Zugriff auf zahlreiche Fahrradflotten, etwa von Mobike (摩拜单车) oder Ofo (小黃車), ermöglicht. 2018 zählte man etwa 20 Millionen Shared Bikes in den chinesischen Grossstädten, 1,5 Millionen alleine in Shanghai[6]. Ähnlich funktioniert der chinesische Beförderungsvermittler Didi Chuxing (滴滴出行), eine Taxi-Sharing-Plattform, die sich 2016 auch den chinesischen Arm des US-Giganten Uber einverleibte[7]. Ähnlich verhält es sich mit Applikationen zum Einkaufen, etwa durch Mini Programs von Aliaba oder JD.com, Essensbestellung z. B. bei grossen Ketten wie Haidilao (海底撈, Hot Pot) und vielen weiteren Applikationen.

Aktuell gibt es mehr als 1 Millionen Mini Programs auf dem Markt in mehr als 200 Kategorien, wobei etwa 72 % der WeChat Nutzer bereits auf dieses Angebot zurückgegriffen haben[8]. Spannend ist dabei auch der Vergleich der Nutzung der WeChat-Mini-Programs zu den Native Apps (d. h. Applikationen, die beispielsweise über den Apple-App-Store oder den Google-Play-Store bezogen werden). Bei Chinas zweitgrösster E-Commerce-Plattform JD.com zeigt sich, dass in den grössten Städten in China 23,3 % der Nutzer über Native Apps auf E-Commerce-Angebote zugreifen, und 16.8 % über das WeChat-Mini-Program – also ein durchaus vergleichbarer Wert8. Beobachtet man darüber hinaus das Nutzungsverhalten in kleineren Städten, so nimmt der Anteil der Nutzer von WeChat-Mini-Programs sogar stetig zu.

Tencent hat scheinbar verstanden, dass der Wert der WeChat-Applikation genau dann dramatisch zunimmt, wenn sich möglichst viele Parteien kollaborativ einbringen können. WeChat gibt beispielsweise anderen Unternehmen die Möglichkeit, gezielt Funktionalitäten innerhalb der Applikation bereitzustellen, welche dem Nutzer einen zusätzlichen Mehrwert stiften. Unterstützt werden dabei die Nutzer, aber auch die verschiedenen Provider durch das integrierte Bezahlsystem WeChat Pay, welches von den Kunden bequem zum Bezahlen genutzt werden kann. Tencent spielt den Value-Co-Creation-Gedanken dabei noch weiter: selbst die Bezahlfunktion des Konkurrenten Alibaba (Alipay) kann als Mini Program integriert und genutzt werden. Am Ende entscheidet der Nutzer, welche Funktionalitäten er nutzen und wie er dafür bezahlen möchte.

Es zeigt sich, ein Blick über den Tellerrand lohnt. Ob der Westen ähnliche Trends beobachten wird, bleibt abzuwarten. Klar ist, branchenübergreifende und durch Technologie unterstützte Ecosysteme entstehen immer häufiger und ein Umdenken hinsichtlich kollaborativer Wertschöpfung ist im Angesicht der immer dominanter werdenden Netzwerkstrukturen dringend notwendig. Wertschöpfung wird immer mehr zum Ergebnis kollektiver Initiativen – und das schätzt der Kunde mehr und mehr.   


[1] https://www.bundesanzeiger-verlag.de/aw-portal/exportkontrolle/hintergruende-und-fachwissen/folgen-des-handelskrieges-zwischen-usa-und-china.html

[2] https://www.nzz.ch/meinung/handelsstreit-zwischen-usa-und-china-worum-es-wirklich-geht-ld.1420714

[3] https://www.repricerexpress.com/amazon-vs-alibaba-winning/

[4] https://www.tencent.com/en-us/articles/8003551553167294.pdf

[5] https://www.businessofapps.com/data/wechat-statistics/

[6] https://qpsoftware.net/blog/bike-sharing-china-mobike-vs-ofo

[7] https://www.wired.co.uk/article/didi-chuxing-china-startups-uber

[8] https://walkthechat.com/wechat-mini-programs-simple-introduction/

Christian Betz

Christian Betz ist als Doktorand für das CC Ecosystems tätig. Der Fokus seiner Forschungsarbeit liegt auf Finanzdienstleistungen in Ecosystemen und wie innovative Technologien, etwa DLT, unterstützend in Ecosystemen eingesetzt werden können. Vor seiner Tätigkeit am Business Engineering Institute war Christian 4 Jahre lang als Unternehmensberater im Bereich Digitalstrategie und digitale Transformation im Bankenbereich und am Kapitalmarkt tätig. Er absolvierte sein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Strategie und Finance an der EBS Universität in Oestrich-Winkel, an der Peking University sowie der Tsinghua University in Beijing.
Christian Betz

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