Die Reise von Open Banking über Embedded Finance zu Contextual Banking und die zukünftige Rolle der Banken

Betrachtet man die heutigen Bankkunden, so sind sie jederzeit digital in ihren jeweiligen Lebenswelten unterwegs. Welche Rolle können Banken in diesen Lebenswelten spielen und wie können Sie die Menschen passgenau dort erreichen? Ein Beispiel für die Positionierung in den Lebenswelten der Kunden findet sich bei McMakler.[1] Suchen Menschen auf Pinterest beispielsweise Design-Ideen für selbstgebaute Möbel, erscheinen passend zu ihren jeweiligen bekannten Wohnpräferenzen (Stil, Lage etc.) passende Immobilienangebote durch McMakler. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, die Wunschimmobilie entsprechend zu finanzieren. Dies geschieht im Kontext einer Kooperation von McMakler mit über 400 Banken, darunter z.B. Deutsche Bank oder DKB.[2] Somit können Banken unter bestimmten Voraussetzungen ihre Services in die jeweiligen Lebenswelten ihrer Kunden anbieten.

Diese Handlungsoption ist jedoch nur eine Alternative, wie Banken bzw. einzelne Bankbereiche sich strategisch positionieren können. Wir haben im Blogbeitrag von Stefan Knaus vom 24.10.2023 vier verschiedene strategische Rollenprofile im Kontext von Open Banking vorgestellt (vgl. nachfolgende Abbildung). Nun möchten wir einen Blick auf die aktuellen Marktgeschehnisse werfen und uns anschauen, welche konkreten Use Cases Banken mittlerweile vorangetrieben haben. Dabei interessieren uns auch die weiteren Buzzwords in diesem Kontext, «Embedded Finance» und «Contextual Banking». Wie unterscheiden sich diese drei Begriffe und bauen sie allenfalls aufeinander auf?

Abbildung: Positionierungspotentiale für Banken bzw. Bankservices

Starten wir aber zuerst mit einer kurzen Wiederholung und Beschreibung der vier Rollenprofile. Grundsätzlich können die vier Optionen danach differenziert werden, ob die Serviceerstellung von den Banken oder Dritten durchgeführt wird und ob die Services der Bank inhouse oder auch über Dritte angeboten werden.

Das traditionelle Banking war dadurch gekennzeichnet, dass das Kundenerlebnis vollständig kontrolliert und die Services auf der eigenen Infrastruktur erbracht wurden. Dieses autonome Agieren als Individualist ist in der EU nicht mehr vollständig möglich. Startschuss für die «Öffnung der Kundendaten» war die Etablierung von offenen Schnittstellen, bei dem Endkunden ihre persönlichen Finanzdaten verschiedenen Banken bzw. Finanzdienstleistern oder FinTech-Unternehmen zugänglich machen können. Treiber waren regulatorische Vorgaben (PSD2) sowie die Existenz entsprechender Schnittstellen wie z. B. APIs. In der Schweiz besteht eine solche Regulierung (noch) nicht, es werden aber auch hier Massnahmen diskutiert, falls die Banken sich nicht ausreichend für die Öffnung der Schnittstellen engagieren.

In der Rolle des Integrators können Banken Angebote Dritter in ihr eigenes Offering integrieren. Ein typisches Beispiel ist hier die Anreicherung des Angebots der UBS für Unternehmensgründer mit Versicherungsleistungen durch die Zürich-Versicherung.[4]

Grundsätzlich würde man vermuten, dass ein Unternehmensgründer gerne zwischen verschiedenen Versicherungen wählen würde. Im “Trouble” einer Unternehmensgründung ist aber die Auswahl einer Versicherung nur ein Pain Point, der zügig gelöst werden soll und die Gebühren sind im Kontext des Gesamtgeschäftes eher gering. Somit haben die Gründer vermutlich kein Interesse, verschiedene Versicherungen zu vergleichen, zumal mit Rabatten bei der Zürich Versicherung geworben wird. Eine Vielzahl von FinTechs sind mit Dienstleistungen als «Anreicherung» des Online-Banking gestartet, z.B. Contovista oder Weltsparen[5].

In der Rolle des Produzenten können Banken ihre Produkte und Services in Kollaboration mit weiteren Unternehmen über neue Kanäle anbieten. Voraussetzung sind u.a. ein klar vorhandener USP sowie die Möglichkeit der Skalierung der eigenen Leistungen. Ein Beispiel für die Verfolgung einer solchen Strategie ist Solaris[6], bei der bspw. Endnutzer mit einem Samsung-Handy Einkäufe mittels Samsung Pay bezahlen können.[7] Neben der Verknüpfung des Samsung Pay Kontos mit dem Konto ihrer jeweiligen Hausbank besteht zusätzlich die Option des sogenannten Splitpay. Die Endkunden können eine Kreditratenzahlung von Solaris nutzen, ohne dort selbst ein Konto zu besitzen.[8] Die Kontoführung dabei wird von Mambu[9], einem Finanzdienstleister, für Solaris übernommen. Die Kreditlimite bestimmt Solaris durch Bonitätsabfrage bei der SCHUFA. Nach einmaliger Einrichtung eines Kreditrahmenvertrages können die Endkunden bei jeder Zahlung innerhalb des Kreditrahmenvertrages entscheiden, ob sie auf eine Ratenzahlung wechseln möchten. Ein prominentes Beispiel für die Schweiz im Kontext von embedded banking findet sich bei der Hypothekarbank Lenzburg. So stellt die Hypothekarbank Lenzburg ihre Banklizenz sowie das Kernbanksystem ihrer 100% Tochter Finstar (Banking as a Service Provider) ihrem Partnerunternehmen Neon zur Verfügung. Diese bietet eine moderne Banking-App an, die es Nutzern ermöglicht, in wenigen Minuten ein Konto zu eröffnen. Eine weitere Kollaboration findet mit der Cembra Money Bank AG statt. Sparkonti und Kassenobligationen bietet Cembra neu digital an. Die Bank nutzt dafür die Technologie der Open-Banking-Plattform Finstar. Zudem unterstützt die Hypothekarbank Lenzburg Cembra bei Servicedienstleistungen für die Kundenbetreuung. [22]

Die Rolle des Produzenten wird oftmals auch unter dem Oberbegriff Embedded Finance subsumiert, d.h. dass Bankdienstleistungen „exportiert“ werden und somit ausserhalb des klassischen Online-Bankings einer bestimmten Bank genutzt werden können. Umgekehrt könnte man bei der Integration von Versicherungsprodukten in das Online-Banking einer Bank, in der Rolle des Integrators, von Embedded Insurance sprechen. Die beiden Strategien sind somit dadurch charakterisiert, dass die Kunden für das Unternehmen branchenfremde Leistungen beziehen können.[10]

Bezüglich der Positionierung als Plattform sind in der Praxis verschiedene Ausprägungen zu beobachten, die aber nicht ganz trennscharf zu Open Banking und Embedded Finance abgegrenzt werden können: Banking as a Platform (BaaP), zum Teil auch von Banken direkt betrieben, sowie Plattformen, die Banken zwar betreiben, jedoch nur mit teilweiser Verbindung zu finanziellen Services. Im Fall von BaaPstehen auf der einen Seite des Marktes die Verbraucher, auf der anderen die Finanzlösungsanbieter. Diese Plattformen zeichnen sich dadurch aus, dass Kunden sich dort attraktive Finanzlösungen auswählen bzw. zusammenstellen können und andererseits den Providern von Finanzlösungen eine profitable Nutzerbasis geboten wird.[12] Typische Beispiele hier sind Vergleichsplattformen rund um Tagesgeld (check24.de) oder Hypotheken (comparis.ch). Die erhöhte Transparenz ist für den Endkunden erfreulich, für die Banken aber relevant im Hinblick auf ihre zu realisierten Margen. Einen Schritt, der Öffnung auf der Kundenseite geht Frankly der ZKB, welche eine 3a Säule Lösung anbietet. Allerdings ist die Providerseite limitiert bei den Wertpapieren auf Offerings der Swisscanto.[13]  

Teilweise verbinden die Banken auch das Thema Konsum mit Payment. Die ING-DiBa betreibt mit Dealwise eine Plattform, auf der über 800 Händler angeschlossen sind und Kunden bis zu 15% Cashback erhalten.[14] In eine ähnliche Richtung zielt auch Twint, dort können in der Rubrik „mega deals“ Rabattangebote direkt in der App erworben werden.[15] Ausserhalb der EU und der Schweiz lassen sich auch noch viel breitere Angebote von Banken beobachten wie z.B. die Sperbank, die diverse Services anbietet, von Reisen über Telekommunikation und Lagerhaltung weltweit. Dies ist aber vor dem Hintergrund einzuordnen, dass sie mehrheitlich im Besitz des russischen Staates ist.[16]

Einen Fokus auf regionale Angebote legen die deutschen Volksbanken. Mit Hilfe von VR Star wird der Zugang zu einem regionalen Ökosystem gebildet. Hier sollen alle relevanten Akteure wie z.B. Eventveranstalter oder Produzenten von lokalen Spezialitäten in der Region vernetzt werden und somit den Menschen ermöglichen, die Region auf eine neue Art und Weise zu entdecken.[17] Ein weiterer Player in diesem Kontext ist auch Beyond Business Solutions, welche deutschen Regionalbanken eine Plattformlösung anbieten, die für die Entwicklung und Implementierung regionaler Plattformen genutzt werden kann.[18] Die energetische Sanierung von Immobilien wird in der Schweiz von Kantonalbanken mit der Plattform myky unterstützt, welche Banken mit Energieversorgern und Versicherern verbindet.[19] In diesem Kontext drängt sich nun auch unser letzter Begriff – Contextual Banking – auf.

Als Beispiel in diesem Kontext könnte man die Möglichkeit von Teilzahlungsoptionen oder «Buy Now Pay Later»-Angeboten beim Kauf eines Möbelstückes im E-Commerce oder beim Point-of-Sale anführen. Durch die Integration von Open Banking Services (Bonitätsnachweis durch Abfrage der Kontoinformationen) wird der Grad der Individualisierung nochmals erhöht, da Kunden mit hoher Bonität entsprechend einen tieferen Zins für das Aufschieben der Zahlung erhalten. Wird nun zusätzlich der kurzfristige Kredit «white-labelled» direkt von Ikea oder Media-Markt angeboten, sprechen wir wiederum von Embedded Finance.[21] Der Kunde hat am Ende ein auf sich zugeschnittenes Angebot, welches ihm grösstmögliche Flexibilität beim Bedürfnis «Zahlen» zulässt (Contextual Banking) und nahtlos in die Wertschöpfungskette des Drittunternehmens eingebunden ist (Embedded Finance).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich das Banking durch Open Banking, Embedded Finance und letztlich auch Contextual Banking immer mehr modularisiert und direkt in die einzelnen Lebensbereiche der Bankkunden integriert wird. Die Voraussetzung einer sukzessiven Öffnung sind der Zugang zu den relevanten Daten, die entsprechende technologische Infrastruktur und das kulturelle Mindset. Letzteres ist nicht zu unterschätzen, da die letzten 100 Jahre die von einer vertikalen Wertschöpfung geprägten Banken nun Schritt für Schritt in Richtung einer horizontalen Wertschöpfung, gemeinsam mit Partnern, umdenken müssen.


Quellen

[1] McMakler (mcmakler) – Profile | Pinterest
[2] Baufinanzierung ✓ Ihr persönlicher Kredit für die Traumimmobilie (mcmakler.de)
[3] Prof. Dr. Rainer Alt • Autor und Experte | Gabler Banklexikon (gabler-banklexikon.de)
[4] UBS Start Business: Versicherung | UBS Schweiz
[5] Contovista: Data-driven Banking mit KI, WeltSparen | Die Plattform für Geldanlage in Europa
[6] https://www.solarisgroup.com/de/
[7] Banking-as-a-Service (BaaS) Anbieter: Die Marktübersicht (it-finanzmagazin.de)
[8] https://www.samsung.com/de/apps/samsung-pay/faq/splitpay/
[9] SaaS cloud banking platform | Mambu
[10] Open Banking | MoneyToday
[11] Embedded Finance – echter Trend oder heiße Luft? (bankenverband.de)
[12] Bouvier, P. Exploring Banking as a Platform (BaaP) Model, Finiculture. (2016)
[13] frankly. | Deine digitale Säule 3a
[14] Cashback bis zu 15% beim Shoppen – ING
[15] Super Deals exklusiv für TWINT App User
[16] Sberbank: Russlands größte Bank schüttet trotz 80 Prozent Gewinneinbruch dieses Jahr Rekorddividende aus – manager magazin (manager-magazin.de)
[17] VR Star – deine heimat in einer app (vr-star.de)
[18] Beyond Business Solutions – Wir vernetzen Regionen (bbs-eco.de)
[19] myky – der intelligente Partner für Ihr Eigenheim
[20] Exploring the world of “Contextual Banking”: driving business success by enhancing customer experience (db.com)
[21] Exploring the world of “Contextual Banking”: driving business success by enhancing customer experience (db.com)
[22] Cembra digitalisiert Sparprodukte mit Finstar-Technologie – Hypothekarbank Lenzburg AG (hbl.ch)

Stefanie Auge-Dickhut
Stefan Knaus

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