Der Weg aus dem Tal der Enttäuschung – Wie geht es weiter mit der Distributed-Ledger-Technologie? (Teil 2)

Seit Einbruch des Bitcoin-Kurses ist es stiller geworden um die Distributed-Ledger-Technologie. Gut so, finden wir, denn dadurch können sich jetzt jenseits des Hypes die Bereiche herauskristallisieren, in denen die Technologie einen wirklichen Mehrwert schafft. Den Use Case Güterimport/-export haben wir bereits im ersten Teil dieser Beitragsserie vorgestellt; in diesem Teil stellen wir die bereits am Markt existierenden Lösungen vor.

DLT-basierte Handelsprozesse in der Praxis

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es bereits drei Konsortien, die die Distributed-Ledger-Technologie im Bereich Trade Finance einsetzen: we.trade, Marco Polo und Voltron. We.trade, dem mittlerweile auch die UBS angehört, nutzt mit IBM als Technologiepartner die Blockchain Hyperledger Fabric, während Marco Polo und Voltron beide aus dem DLT-Konsortium R3 entstanden sind und somit auf der DLT-Plattform Corda basieren. Trotz ihres gemeinsamen Hintergrunds als Teilnehmer von R3 befassen sie sich allerdings mit unterschiedlichen Handelstransaktionen: Während Voltron sich die Digitalisierung der oben aufgeführten Letters of Credit zum Ziel gesetzt hat, wodurch in einem Pilotprojekt die Bearbeitungszeit bereits von 5-10 Tagen auf einen Tag reduziert werden konnte, fokussiert Marco Polo sich auf Open-Account-Transaktionen, bei welchen die Bezahlung oft ein bis drei Monate nach Erhalt der Ware fällig wird und der Exporteur somit den grössten Teil des im Rahmen der Transaktion anfallenden Risikos trägt. Thematische Überschneidungen gibt es hingegen zwischen Marco Polo und we.trade, welches sich ebenfalls grösstenteils auf Open-Account-Transaktionen fokussiert. Momentan wenden sich beide noch an unterschiedliche Marktteilnehmer; Marco Polos Ambitionen mit Mitgliedern aus Europa, Asien, Amerika und dem Mittleren Osten nehmen eher globale Dimensionen an, während we.trade sich vor allem an europäische KMUs richtet. Zukünftige Überschneidung der Aktivitäten beider Konsortien sind jedoch nicht auszuschliessen.

We.trade und Marco Polo sind bereits live, we.trade seit Juli letzten Jahres, Marco Polo mit zunächst auf die Forderungsdiskontierung beschränkter Funktionalität seit Oktober. Voltron befindet sich noch in der Pilotphase und plant die Aufnahme seiner regulären Tätigkeit im Laufe dieses Jahres.

Fazit

Die Distributed-Ledger-Technologie zeichnet sich insbesondere durch die Steigerung der Effizienz von Transaktionen zwischen interdisziplinären Akteuren entlang der Wertschöpfungskette aus, was beim Transaction Banking, in dem eine Handelstransaktion gut 30 Parteien mit mehr als 100 involvierten Personen und mehr als 200 Dokumentweitergaben umfassen kann, schnell zu einem flächendeckenden Einsatz der Technologie führen kann. Absolute Transparenz, Sicherheit und Integrität der Daten sind für Handelstransaktionen innerhalb eines Netzwerks dabei Grundvoraussetzungen, die allein die DLT als Technologie in dem Masse liefern kann. Im Gegensatz zu vielen zentralisierten und interoperablen Systemen kann sie zudem Ihre Fähigkeit als skalierbare Plattform voll ausspielen, indem sie die Kollaboration in der komplexen Lieferkette mit einem dezentralen Zugang fördert. Die Interaktion ist in Echtzeit möglich und viele Praxisprojekte zeigen bereits Entwicklungen auf, wie in einem nächsten Schritt Akkreditive, Warenversicherungen und andere Finanzierungsinstrumente über DLT implementiert werden. Die we.trade-Plattform ist durch ihre europäische Ausrichtung ein für den hiesigen Handelsraum sehr interessantes Projekt, welches bereits die Beta-Phase überwunden hat. Nach zahlreichen individuellen Initiativen von einzelnen Banken oder Konsortien in diesem Bereich ist es zu begrüssen, dass sich mit we.trade nun die Ressourcen bündeln und mit 12 grossen europäischen Banken der erste Schritt zur Abbildung der gesamten Wertschöpfungskette mit Logistikdienstleistern, Versicherern und Handelsunternehmen umgesetzt wurde. Der Rollout im Rahmen einer privaten Blockchain-Initiative ist in der Schweiz für Anfang 2019 geplant. Auf Basis des Blockchain-Frameworks von Hyperledger Fabric konnte bereits gezeigt werden, dass die Dauer für End-to-End Transaktionen von 2 Wochen auf 48 Stunden minimiert und die Kosten für Akkreditive übergreifend um 90 % gesenkt werden konnten. Auch wenn die Vorteile von DLT-basierten Anwendungssystemen im Bereich der Handelsfinanzierung auf der Hand liegen, stellt die grösste Herausforderung in einem derartigen Ecosystem immer noch der Netzwerkeffekt dar, bei dem Attraktivität und Nutzen steigen, je mehr Firmen und Teilnehmer der Plattform am Ende beitreten.

 

Quellen

Hauptquellen:

Hofmann, E., Heines, R. & Omran, Y. (2019). Foundational premises and value drivers of blockchain-driven supply chains: The trade finance experience. In W. L. Tate, L. Bals & L. Ellram (2019). Supply Chain Finance: Risk management, resilience and supplier management (S. 225-253). London: Kogan Page.

World Economic Forum (2016). The future of financial infrastructure: An ambitious look at how blockchain can reshape financial services. http://www3.weforum.org/docs/WEF_The_future_of_financial
_infrastructure.pdf

Weitere Quellen:

A Trade Finance Initiative. (n.d.). https://www.marcopolo.finance/

Bermingham, F. (2018, November 01). R3 and eight banks launch Voltron blockchain platform for trade finance. https://www.gtreview.com/news/fintech/blockchain-project-voltron-launches-open-testing
-phase/

Morris, N. (2018, October 02). Trade finance blockchain consortia: How they differ. https://www.ledgerinsights.com/trade-finance-blockchain-consortium/

Morris, N. (2018, June 11). HSBC executes live trade credit using blockchain. https://www.ledgerinsights.com/hsbc-ing-blockchain-trade-finance/

Morris, N. (2018, May 09). Maersk outlines IBM joint venture. https://www.ledgerinsights.com/maersk
-outlines-ibm-joint-venture/

Wass, S. (2018, October 04). We.trade and Batavia merge blockchain platforms for trade finance. https://www.gtreview.com/news/fintech/we-trade-and-batavia-merge-blockchain-platforms-for-trade
-finance/

Wass, S. (2018, September 25). Marco Polo blockchain platform for trade finance released. https://www.gtreview.com/news/fintech/marco-polo-blockchain-platform-for-trade-finance-released/

Roger Heines

Roger Heines

Nach seinem Masterabschluss in Industrial Engineering an der TU Dortmund, war Roger Heines als Consultant in einer internationalen Unternehmensberatung tätig. Hier sammelte er relevante Projekterfahrung in der Prozess,- Automobil,- und Zuliefererindustrie mit den Schwerpunkten Produktion und Logistik. Im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes an der Universität St.Gallen verfasste er seine Masterarbeit im Bereich Blockchain Technology und Supply Chain Finance. Begeistert von den Potentialen, erforscht er nun als Doktorand im CC Ecosystems, wie innovative Technologien den Austausch von Informationen in Finanznetzwerken sowie zukünftige Finanzdienstleistungen revolutionieren werden.
Roger Heines

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