Auswirkungen von Corona auf die Finanzindustrie

Die Corona-Pandemie hat seit Anfang 2020 durch die Lockdowns überall auf der Welt einen enormen Einbruch der Weltwirtschaft verursacht. Der IWF geht von einem Rückgang des globalen BIP von 5 % aus, für die Eurozone sind es voraussichtlich sogar 10.2 % [1] – und das sind die Zahlen vor einer möglichen zweiten Welle. Wie die Wirtschaft sich erholen wird, bleibt abzuwarten. Was man dagegen bereits jetzt gut einschätzen kann, sind die qualitativen Auswirkungen der Pandemie auf die für die Finanzindustrie relevanten Makrotrends.

Trendradar des CC Ecosystems

Eines unserer fortlaufenden Projekte ist der Trendradar, in dem wir die für die Finanzindustrie relevanten Trends in den Kategorien Kunden, Technologien, Finanzindustrie, Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft identifizieren und ihre Auswirkungen auf Unternehmens- und Ecosystemebene analysieren (Abbildungen 1 & 2).

Abbildung 1: Trendradar des CC Ecosystems
Abbildung 2: Für die Finanzindustrie relevante Makrotrends

In diesem Beitrag stellen wir die Auswirkungen der Pandemie auf eine Reihe der in Abbildung 2 aufgeführten Makrotrends vor.

Arbeitswelt 4.0, Digitale Kompetenzen & Cybersecurity

Im Frühjahr setzten etwa drei Viertel der Firmen in Deutschland und zwei Drittel der Unternehmen in der Schweiz bei der Bewältigung der Corona-Krise auf eine verstärkte Nutzung von Homeoffice[2][3]. Was für viele ein erstes Experiment war, hat zu vielen positiven Erfahrungen sowohl unter Verantwortlichen als auch unter Arbeitnehmern geführt – und allgemein dafür gesorgt, dass Unternehmen und Arbeitnehmer, die bis dato keine Erfahrung mit digitalen Zusammenarbeitsmodellen hatten, die dafür notwendigen Fähigkeiten aufgebaut haben. Nachdem diese Hürde genommen ist, dürfte Homeoffice für viele Arbeitnehmer eine tatsächliche Alternative werden – zumindest in Teilzeit. Darüber hinaus lassen sich durch flexible Arbeitsplatzmodelle auch Immobilienkosten sparen, ein nicht zu verachtender Faktor in der gegenwärtigen Wirtschaftslage. Abgesehen davon ist die Pandemie natürlich noch nicht ausgestanden und solange es keinen Impfstoff gibt, wird die Arbeit von zu Hause aus epidemologischen Gesichtspunkten weiterhin eine wichtige Ergänzung zur Präsenzzeit im Unternehmen darstellen[4]. Der einzige Arbeitstrend, der durch die Krise einen Nachfrageeinbruch erlitten hat, ist das Co-Working, das genau wie die Anwesenheit im eigenen Unternehmen vermieden wurde, um die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 zu verringern.  

Eine weitere Gruppe, die neben Arbeitgebern und -nehmern im Zuge der Pandemie an digitalen Kompetenzen gewonnen hat, sind die Konsumenten, die aufgrund wochenlanger Geschäftsschliessungen zum Einkaufen auf digitale Kanäle ausweichen mussten. Durch diese allgemein verstärkte Nutzung digitaler Kanäle, sowohl beruflich als auch privat, erhält auch das Thema Cybersecurity anhaltenden Aufschwung, da die Daten von Unternehmen, Arbeitnehmern und Privatpersonen gesichert werden müssen, egal ob es um den externen Zugriff auf Firmennetzwerke, die Beantragung von Corona-Hilfen oder den Schutz der Privatsphäre bei der Nutzung von Video-Chat-Diensten geht.

Artificial Intelligence, Blockchain, IoT & Big Data

Die Pandemie hat aber nicht nur digitale Kompetenzen gestärkt, sondern auch die Nutzung bzw. Entwicklung einiger Technologien vorangebracht. Vor allem das Tracking der Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 mithilfe von IoT (z. B. Corona-Apps), Big Data und Blockchain stand hierbei im Fokus. Aber auch Predictive Analytics erfuhr viel Aufmerksamkeit, um mithilfe von Künstlicher Intelligenz Vorhersagen über die weitere die Verbreitung der Pandemie treffen zu können. Darüber hinaus wurde mithilfe von IoT und KI daran gearbeitet, gewisse Tätigkeiten vollständig zu automatisieren, um Ansteckungsgefahren zu minimieren. Solche Bemühungen reichen von der Sterilisierung von Gegenständen in Krankenhäusern durch Roboter bis hin zum Transport von medizinischen Proben und Quarantänematerial durch Drohnen[5].

Volkswirtschaft & Sharing Economy

Bei dem Stichwort Ecosysteme sind zwei gegensätzliche Entwicklungen zu beobachten. Einerseits wurden lokale Netzwerke gestärkt, wie z. B. in Form von Einkaufshilfen für ältere Personen, andererseits erlebten auch global agierende Ecosysteme, wie z. B. Amazon oder Facebook, insgesamt ein sehr erfolgreiches erstes Halbjahr 2020. (Ausreisser in der Entwicklung beobachtet man nur bei den Unternehmen, die sehr stark die „reale“ Welt im Fokus haben wie Airbnb, das im zweiten Quartal einen Umsatzrückgang von rd. 70 % im Vergleich zum zweiten Quartal des Vorjahres hinnehmen musste.)

Die erfolgreiche Entwicklung bei den globalen agierenden Ecosystemen ist auf den Stand der Digitalisierung innerhalb dieser Ecosysteme zurückzuführen, mit dem lokale Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt nicht mithalten können. Diese Stärkung globaler Strukturen bleibt allerdings auf solche Ecosysteme beschränkt: der Globalisierung der Produktion hat die Pandemie durch entstandene Versorgungsengpässe erst einmal einen entscheidenden Dämpfer verpasst. Das führt dazu, dass mehr als die Hälfte aller grenzübergreifend agierenden deutschen Unternehmen darüber nachdenkt, Offshoring zumindest durch Nearshoring zu ersetzen[6]. Auch darüber hinaus müssen sich europäische Volkswirtschaften Gedanken über ihre Wettbewerbsfähigkeit machen, denn auch die Dominanz der Asian Forerunners wurde weiter verstärkt, da diese das Krisenmanagement (z. B. Taiwan, Südkorea, Singapur etc.) besser gehandhabt haben als die USA, England und andere europäische Länder, dadurch weniger Corona-Fälle zu beklagen hatten und früher zur „neuen Normalität“ übergehen konnten. Das hat sich wiederum positiv auf die wirtschaftliche Erholung ausgewirkt. Es wird bereits ein Kulturkampf zwischen den zentral gesteuerten asiatischen Ländern und dem aufgeklärtem Individualismus der westlichen Länder vorausgesagt.[7]

Seit dem Wirtschaftseinbruch wird allerdings gleichzeitig auch in ganz andere Richtungen gedacht, Stichwort „Postwachstumsökonomie“. Denn wenn wir in Zukunft mit weiteren Pandemien oder auch nur weiteren Lockdowns bis zum Ende dieser Pandemie rechnen, dann müssen wir uns zwangsläufig Gedanken darüber machen, wie ein Unternehmen oder eine Volkswirtschaft auch ohne Wachstum funktionieren können. Einen entscheidenden Beitrag dazu könnte, die Sharing Economy leisten, die gemeinsame Nutzung von Gegenständen oder Räumen. Gerade die wurde durch das Social Distancing allerdings geschwächt, wenn auch voraussichtlich nur auf absehbare Zeit. Der Fokus auf Aktivitäten in der regionalen Umgebung und damit auch auf die eigene (Smart) City sowie Informationsbedarf zu lokalen Entwicklungen (wie z. B. Einkaufshilfen für Ältere) sind gestiegen[8].

Grundsätzlich verstärkt Corona die vorgestellten Makrotrends, mit sehr wenigen Ausnahmen wie Co-Working oder Sharing-Economy aufgrund der Infektionsgefahr.

Auswirkungen der Makrotrends auf die Finanzindustrie
Kunde

Während der Pandemie waren alle Kunden gezwungen, in erheblichem Umfang auf Filialnutzungen zu verzichten. So hat die ZKB mehr als 50 Filialen geschlossen, nur 13 waren durchgehend geöffnet. Bei der UBS, CS und Raiffeisen schloss immerhin ein Drittel der Filialen. Die Kunden mussten also wohl oder übel über digitale Kanäle mit ihrer Bank in Kontakt treten. Auf der einen Seite ist dies für die Banken eine Chance zum Ausbau digitaler Kanäle und zur Verschlankung ihres Filialsystems. Auf der anderen Seite steigen dadurch natürlich auch die Ansprüche der Kunden an das User Interface ihrer Bank. Der Vermögenserhalt, der zuvor schon infolge der Niedrigzinsphase stärker in den Fokus gerückt ist, spielt durch den Börseneinbruch eine noch wichtigere Rolle als bisher, denn das Bedürfnis nach Absicherung steigt. Im Hinblick auf die Herkunft der Kunden könnte der Trend zur Regionalisierung insbesondere von Kantonal- und Raiffeisenbanken weiter aktiv verfolgt werden.

Geschäftsmodell

Das Thema Postwachstumsökonomie stellt das Gewinnstreben von Unternehmen generell in Frage und stellt den gesellschaftlichen Nutzen der Wertschöpfung stärker in den Vordergrund. Das dürfte Banken differenzieren, die ihr Wertversprechen am Dienst an der Gesellschaft ausrichten, ein Bereich, in dem Kantonal- oder Genossenschaftsbanken einen klaren Vorteil besitzen. Aber auch Geschäftsbanken können diesen Trend in ihrer Strategie berücksichtigen, z. B. durch nachhaltige Anlagemöglichkeiten. Beim Revenue Model zeigt sich, dass der Anspruch an unbezahlte digitale Services weiter steigt. Auf der Kostenseite können Einsparungen durch die Verschlankung des Filialsystems, den Abbau von Büroflächen und die Reduktion von Geschäftsreisen erreicht werden. Grossunternehmen wie die UBS, Swiss RE oder Zürich Versicherung arbeiten ja bereits seit Jahren am „workplace of the future“, dies hat die Pandemie weiter beschleunigt.

Markt

Die Wettbewerbsintensität in der Schweizer Bankbranche wird davon abhängen, wann die erwarteten Branchenbereinigungen in der Tourismusbranche, der Veranstaltungsbranche oder der Gastronomie eintreten werden, um nur einige Beispiele zu nennen. Die daraus resultierenden Kreditausfälle werden sich in jedem Fall auf die Bankbilanzen niederschlagen, die Frage ist nur: wie stark. Aktuell scheinen die in Deutschland und Schweiz vergebenen „Corona-Kredite“ eher zu einer Entlastung der Bankbilanzen geführt zu haben. Erste weltweit tätige Banken zeigen aber Schräglagen auf – bei bspw. HSBC in Form eines Gewinneinbruchs von 65 % im ersten Halbjahr 2020[9]. Im Hinblick auf die Vertriebsausrichtung wird es wohl im Hinblick auf die Attraktivität einzelner Regionen (USA vs. Asien) Verschiebungen geben, gleiches gilt für Investitionsbereiche (z. B. Abbau bei Reedereien, Kreuzfahrtbetreibern).

Prozess

Das forcierte bargeldlose Bezahlen, die optimalerweise vollständig digitale Bearbeitung der „Corona-Kredite“, aber auch generell die Schliessung vieler Filialen hat zwangsweise die Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen gestärkt. Im Hinblick auf die Wertschöpfungstiefe werden international agierende Banken das Thema Outsourcing wohl einer Überprüfung unterziehen.

Gekommen, um zu bleiben

Die Pandemie hat der Digitalisierung in der Finanzindustrie einen enormen Schub gegeben, wobei viele der beobachtbaren Entwicklungen dauerhaft sein werden. Insofern ist Corona auch ein Transformationstreiber der Finanzindustrie auf der Strategie- und Prozessebene. Lediglich auf der Systemebene ist kein Impact zu beobachten. Zwar wurden einige interessante DLT- und AI-Cases weltweit angestossen bzw. umgesetzt, dies war jedoch eher im Healthcare-Sektor mit Fokus auf der Analyse bzw. Prognose der Pandemie der Fall, nicht in der Finanzindustrie.


[1] https://www.imf.org/en/Publications/WEO/Issues/2020/06/24/WEOUpdateJune2020

[2] Litsche, S., S. Sauer, S. und K. Wohlrabe (2020), »Konjunkturumfragen im Fokus: Coronakrise trifft deutsche Wirtschaft mit voller Wucht«, ifo Schnelldienst 73(5), 57–61

[3] https://www.netzwoche.ch/news/2020-04-22/homeoffice-ist-gekommen-um-zu-bleiben

[4] https://www.netzwoche.ch/news/2020-04-22/homeoffice-ist-gekommen-um-zu-bleiben

[5] https://www.terra-drone.net/global/2020/02/07/terra-drones-business-partner-antwork-helps-fighting-corona-virus-with-drones/

[6] https://www.nzz.ch/wirtschaft/corona-krise-deutsche-unternehmen-passen-lieferketten-an-ld.1565362?reduced=true; https://www.stahl-online.de/index.php/neuausrichtung-der-lieferketten/

[7] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/84_Salzburger_Trilog/Salzburger_Trilog_2006-Diskussionspapier_dt.pdf

[8] Unter https://www.bei-sg.ch/cc-smart-citizen finden Sie Informationen zu unserem Kompetenzzentrum «Smart Citizen».

[9] https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/corona-krise-schlaegt-bei-britischer-bank-hsbc-ins-kontor-9149150

Stefanie Auge-Dickhut

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