Auf dem Weg zur glücklichen Gesellschaft?

In ein paar Jahren werden neue oder weiterentwickelte Sensoren in Smartwatches nicht nur die Bewegung des Trägers aufzeichnen, sondern auch seinen Herzrhythmus und seine Atmung erfassen und den Stresslevel über die Hautoberflächenspannung messen. Rund um die Erde beschäftigen sich tausende Entwickler mit den neuen Möglichkeiten, bewerten hunderte von Investoren die wirtschaftlichen Potentiale und warten Millionen von Konsumenten auf die neuen Gadgets. Führen uns intelligente Maschinen wie beispielsweise Smartwatches mit derartigen Fähigkeiten einen Schritt näher zur glücklichen Gesellschaft?

Eine permanente Überwachung unseres Herzens eröffnet zunächst aus medizinischer Sicht die Möglichkeit, Herz-Kreislaufprobleme frühzeitig zu erkennen und damit eine Einschränkung der Lebensqualität zu vermeiden. Sie kann darüber hinaus den Träger der Smartwatch daran erinnern, dass er sich eine wöchentliche Schrittzahl oder eine tägliche intensive Kreislaufbelastung zum Ziel gesetzt hat, dass er aber mit der Umsetzung noch besser werden kann. Die Hautoberflächenspannung, die Atemfrequenz, der Puls und die Bewegungsmuster des Körpers liefern Indizien zum Wohlbefinden des Menschen. Zusammen mit den Daten des Ecosystems des Menschen (https://ccecosystems.news/innovative-technologien-foerdern-die-entwicklung-von-ecosystemen/), also des Fitnesscenters, des Arztes, der Apotheke oder des Autos und des Haushalts entsteht ein detailliertes Verhaltensmuster. Mächtige Techniken der Datenanalyse, wie sie beispielsweise unter dem Begriff des Deep Learnings subsumiert werden, helfen, Verhaltensweisen zu erkennen, die der Gesundheit und der Lebensqualität zu- oder abträglich sind.

Im Idealfall verhilft ein digitaler Gesundheitscoach dem Menschen zu einem tieferen, gesünderen Schlaf, steigert dessen Fitness oder macht ihn auf verborgene Herz- und Kreislaufprobleme aufmerksam. Der Mensch gewinnt an Sicherheit bzw. baut Ängste ab, wenn er davon ausgehen kann, dass seine Gesundheit in guten «Händen» ist und er in kritischen Situationen zuverlässig Hilfe von alarmierten Dritten erhält, er also in ein Ecosystem der Gesundheit eingebunden ist. So überwachen Eltern schon heute mittels Sensormatten die Atmung von Kindern, die von einem plötzlichen Herztod wegen Schlafapnoe bedroht sind.

Diese Vision eines Gesundheitscoaches können wir um unzählige weitere digitale Services mit vermutetem Nutzen für den Menschen erweitern. Wir können aber auch dystopische Szenarien entwickeln, wenn wir überlegen, welche Möglichkeiten derartige Smartwatches zur Überwachung und Beeinflussung bieten. Die westlichen Medien berichten geradezu hysterisch über die Gefahren des chinesischen Social Scoring Systems, das im Aufbau ist und Individuen wie Unternehmen überwachen und bewerten soll (https://www.lifeengineering.ch/post/social-scoring-wollen-wir-das). Die Gefahren eines derartigen Instruments in den Händen eines wenig demokratisch kontrollierten Machtapparates dürfen mit Blick auf unsere Historie nicht unterschätzt werden, doch vernachlässigt die vorherrschende Diskussion die Überwachungsmöglichkeiten auch der westlichen staatlichen Organisationen, die wohl kaum auf weniger Daten zugreifen können.

Die privatwirtschaftlichen Megaportale wie Facebook, Google, Alibaba und Tencent besitzen bereits heute gigantische Sammlungen von Daten, die wir ihnen freiwillig überlassen und die sie an diejenigen Unternehmen verkaufen, die dafür am meisten bezahlen, weil sie unsere Bedürfnisse und unsere Schwächen mit ihren Angeboten nutzen oder aber unsere Bedürfnisse durch gezielte Botschaften steuern wollen. Wir verwenden smart Services in allen Lebensbereichen aus Bequemlichkeit, aus Eitelkeit und weiteren Motiven. Das Unternehmen littleriot.com verkauft ein smartes Armband für Verliebte, damit diese ständig miteinander verbunden sein können, besonders wenn einer von beiden auf Reisen ist. „Pillow Talk lets you hear the realtime heartbeat of your loved one“ ist der Werbespruch des Anbieters. Pillowtalk verbindet nicht nur, sondern ist auch ein perfekter Überwachungsservice für Eifersüchtige. Millionen Menschen tragen freiwillig vielfältige Formen von smarten Armbändern und installieren freiwillig Mikrophone (z. B. in Smart Speakers) und Kameras (z. B. im Smartphone) in ihren Wohnungen.

Die Frage ist nicht, ob wir diese Entwicklung begrüssen. Der Markt treibt sie an und weder Individuen noch einzelne Staaten können sie aufhalten. Die Frage ist, wie wir die Chancen nutzen und die Gefahren abwehren. Im Wesentlichen geht es um fünf Themen:

  • Wer besitzt die personenbezogenen Daten aus dem Internetverkehr und aus den vernetzten Sensoren? Das Individuum, das Unternehmen oder der Staat? De facto sind es heute vor allem Megaportale und staatliche Organe.
  • Wer leitet aus diesen Daten das Wissen über das Verhalten, über die Menschen und die sie umgebende Welt ab? Haben Forschung und Entwicklung Zugriff auf diese Daten und dieses Wissen?
  • Was ist Glück und wonach entscheidet der Mensch? Welche Faktoren bestimmen die Lebensqualität und was treibt uns an?
  • Wer nutzt das Wissen über das Verhalten und die Lebensqualität, um digitale Dienste zu entwickeln, welche die Lebensqualität oder den Konsum steigern?
  • Wie können wir Wirtschaft und Gesellschaft zum Wohle der Menschen steuern? Decken sich die Interessen der Menschen und des Kapitals? Gibt es Mechanismen, die die kapitalistische Steuerung so ergänzen, dass diese weiterhin funktioniert, daraus aber gleichzeitig eine lebenswertere Welt entsteht?

Die neuen Fähigkeiten der Sensorik wie im Beispiel der Smartwatch werden leistungsfähige elektronische Gesundheitsassistenten ermöglichen. Sobald die Menschen ihre gesundheitsrelevanten Daten nicht mehr selbst erfassen müssen, sondern Sensoren für eine mühelose, aktuelle und genaue Erfassung sorgen, und sobald aus den Gesundheitsdaten konkrete Massnahmen für die Gesundheit abgeleitet worden sind, werden Gesundheitsassistenten von den Konsumenten akzeptiert werden. Dann wird es entscheidend, wer den Zugang zu den Sensordaten hat und welche Ziele und Ressourcen ein Anbieter von Gesundheitsassistenten besitzt. Ein Pharmaunternehmen wird versuchen, darüber seine Pharmaka zu verkaufen, ein Sportartikelhersteller seine Sportkleidung und
-geräte, eine Klinikkette ihre Therapien und Operationen und eine Versicherung wird gute und schlechte Risiken exakter selektieren.

Was für einen elektronischen Gesundheitsassistenten gilt, ist mit wenig Mühe auf einen finanziellen Vorsorgeassistenten, auf einen Mobilitätsassistenten, ja sogar auf einen digitalen Informationsdienst übertragbar.

Das Individuum selbst kann seine Lebensqualität wahrscheinlich dann verbessern, wenn es die Interessen hinter dem Gesundheitsassistenten versteht. Unternehmen, die sich ausschliesslich am Shareholder Value ausrichten, werden die Kaufmotive der Konsumenten untersuchen und Lebensassistenten entwickeln, die entweder selbst für Erlösströme sorgen oder über die andere Produkte und Dienste verkauft werden. Wenn sich die Unternehmer, Manager und Investoren tatsächlich für eine humane Wirtschaft einsetzen, wie sie es beispielsweise im amerikanischen Business Round Table deklariert haben, nehmen sie in ihre Führungsmechanismen nicht nur Kapital, sondern auch Faktoren der Lebensqualität auf und lassen sich daran messen. Wenn die Politik und die Verbraucherverbände die Prinzipien der Digitalisierung in ihr Denken aufnehmen, werden sie Regeln entwickeln, die offensichtlichen Missbrauch verhindern und naheliegende Verbesserungen fördern. Ob wir es wollen oder nicht, das chinesische Social Scoring könnte sogar zu einem gesellschaftlichen Experiment werden, aus dem wir viel zum Wohle der Menschen lernen können.

Hubert Österle
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